Lutetia Stubbs: KellerLeichen (Leseprobe)


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Klappentext

    Definition eines kleinen Problems: Eine Leiche im Keller finden; vorausgesetzt, es ist niemand, den man kennt.
    Definition eines mittleren Problems: Engagierte Nachbarn, die wünschen, dass die Leiche Gesellschaft bekommt.
    Definition eines großen Problems: Ein Policecommander, der entscheidet, dass DU diese Gesellschaft wirst.
    Dann wird es Zeit, die Schaufel zu packen und ein paar Schädel richtig zu rücken. Und zwar nicht, um Platz für die eigenen Gebeine zu schaffen.

Harold, Marx und Lutetia Stubbs sind die Neuen in Borough und sollen – nach dem Willen einiger Einwohner – hier auch nicht alt werden.

Als Marx im Keller ein Skelett findet, ergreift Polizeichief Murdok McDuff die Gelegenheit, einige dunkle Punkte seiner Vergangenheit und diese Störenfriede auszuradieren – aber er hat seine Rechnung ohne Lutetia gemacht. Denn als die sich mit dem Totengräber verbündet, tauchen Leichen an Orten wieder auf, an denen sie vorher gar nicht vergraben waren.


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Lutetia Stubbs: KellerLeichen

Alte Damen sollten anständig sein. Freundlich. Nett zu Kindern. Sie sollten sich nicht aufführen wie zwei Hafenschlampen beim Revierstreit. Henry Wilson beobachtete gelassen den Streit der Swanson-Schwestern. Er kaute sein kaltes Truthahn-Sandwich, dachte an nichts Komplexeres als das Wetter und erweiterte seinen Vorrat exotischer Beleidigungen, die er pedantisch in sein bereits recht umfangreiches Notizbuch eintrug. Solange sich die Damen nur gegenseitig angifteten, brauchte er nicht einzuschreiten.
Die Swansons galten als Neuzugezogene; sie lebten erst seit dreißig Jahren in Borough. Trotzdem hatten sie sich in dieser für ländliche Verhältnisse kurzen Zeit einen festen Platz in der Gesellschaft erobert. Ihre Ankunft hatte in der gutbürgerlichen Mittelschicht der Stadt ein Erdbeben ausgelöst. Owen Henrics, damals Stadtsäufer von Borough und ein halbes Jahr später tot, hatte Wilson, der zu diesem Zeitpunkt nur auf eine stürmische, wenn auch einseitige Affäre mit Daisy Duck zurückblicken konnte, beiseite genommen und ihm die Neuigkeit zusammen mit einer Whiskeyfahne ins Gesicht gehaucht.
„Det sin Dame von Welt, Junge! Die verkehrn nich mit unsereins. Die machen’s nur mit de bessere Gesellschaft.“
Später dachte Wilson darüber nach, welche Art Damen so in sechs Sprachen fluchen kann, dass selbst gestandene Männer die Flucht ergriffen. Wie dieser Russe, der das Haus neben den Swansons bezogen hatte und unvorbereitet in eine der Swansonschen Verbalschlachten geriet. Der Mann behauptete, Kapitän im Ruhestand zu sein. Wilson hielt das für gelogen: erstens war er kaum älter als fünfundzwanzig und zweitens sollte ein Matrose nicht rot anlaufen, bevor Inga und Barbara sich warm gekeift hatten. Zwei Wochen später gab er das frisch renovierte Haus auf und verschwand spurlos aus Borough. Bei anderer Gelegenheit brauchte Wilson länger, um die Frage der Sprache zu lösen. Die Reaktion einer Gruppe japanischer Touristen, die wohl versehentlich nach Borough geraten war, klärte es dann.
Manchmal fragte sich Wilson, auf welche Weise genau die Swansons mit den gehobenen Kreisen verkehrten.
Doch obwohl sie sich seit über siebzig Jahren leidenschaftlich hassten, gingen sie nie getrennte Wege – für Wilson eines der größten Rätsel des Lebens. Die Lösung hätte ihn wirklich interessiert, aber ihm fehlten Neugier und Phantasie, um mehr als die tägliche Routine seines Jobs zu erledigen. Auf eine Art war er der perfekte Beamte.
„Meurtriére!“ Wilson horchte auf. Er hatte keine Ahnung, was Meurtriére bedeutete, aber Inga rastete bei diesem Wort aus. Ohne polizeilichen Eingriff hätte sie bewiesen, dass eine Handtasche durchaus eine tödliche Waffe ist. Wilson packte die Reste seiner Mahlzeit weg und ging auf die Schwestern zu.
„Guten Tag, Ladies.“ Vier eisblaue Augen fixierten ihn. Er spürte die Veränderung, als er vom Polizisten zur Zielscheibe wurde.

Im selben Augenblick löste sich nicht weit entfernt in einem dunklen Raum die Hand eines Skeletts und fiel zu Boden. Ein goldener Ring löste sich vom Fingerknochen und rollte in einer langen Spirale in die entfernteste Ecke des Raumes. Der darin eingelassene Brillant hätte dabei sicher malerisch gefunkelt, aber in diesem Raum war es auf Grund des Fehlens von Türen und Fenstern stockdunkel. Außerdem war niemand anwesend, der den ganzen Vorgang beobachten konnte.

„Über diesem Drecksnest hängt ein riesiger Arsch und wartet nur…“
„Ich verbitte mir solche Worte in meiner Gegenwart!“ brüllte Harold Stubbs. Marx zuckte zusammen. Er hatte seinen Erzeuger noch nie schreien hören und da sie sich die letzten siebzehn Jahre nicht sehr nahe gekommen waren, wusste er nicht, zu welchen Reaktionen der alte Herr neigte. Der Stubbsche Familiendiesel bahnte sich seinen Weg durch die schafbedeckten Hügel, die noch zu Wales gehörten und steiler wurden, je weiter sie nordwärts kamen. Die Tatsache, dass sie seit Stunden nur noch Hügel und Schafe sahen, zehrte gewaltig an Marx‘ Nerven.
„Hoffentlich haben die schon elektrischen Strom“, murmelte er.
„Ja. Ich habe mich danach erkundigt“, antwortete Harold, der den gemäßigten Tonfall seines Sohnes für ein gutes Zeichen hielt.
„Fließend Wasser?“
„Auch das.“
„Das einundzwanzigste Jahrhundert?“ Sogar Harolds beschränktes linguistisches Hirnzentrum erkannte gelegentlich Sarkasmus. Er versuchte, einen angemessenen väterlichen Rat für diese Situation zu finden.
„Du wirst es überleben.“
„Das befürchte ich.“ Marx versank in tiefem Schweigen. Sein Vater sah ihn mit einem forschenden Blick an.
Harold Stubbs war leidenschaftlicher Mathematiker. Er hatte es in Fachkreisen zu einigem Ansehen und einer Professur in Cambridge gebracht – mit all ihren Nachteilen. Der Nachteil bestand aus einer Horde Studenten, die sich seiner Meinung nach von einer Horde Affen nur durch den aufrechten Gang unterschied. (Bem:Montags nicht mal dadurch.) Er hatte fünfzehn Jahre Vorlesungen überlebt, indem er seine Zuhörer weitgehend ignorierte. Bedauerlicherweise schien diese Taktik bei seinen eigenen Kindern zu versagen. Überdies hatte seine Frau die Unverschämtheit besessen, sich vor einem halben Jahr einfach überfahren und ihn mit seinem Nachwuchs allein zurück zu lassen. Er sah in den Rückspiegel und betrachtete seine Tochter, die während der ganzen Fahrt aus dem Fenster gesehen und nichts gesagt hatte.
„Nun Lutetia, freust du dich auf…“ – Harold sah auf seinen Notizzettel – „…Borough? Die Burg hat sieben Schlafzimmer und vier Bäder, alles bestens eingerichtet.“ Die Erwähnung ihres Namens veranlasste seine Tochter, ihren Geist aus welchen Sphären auch immer zurückzurufen und aufs Hier und Jetzt zu fokussieren.
„Was bedeutet das schon?“ sagte sie.
Seine Kinder waren zwar Zwillinge, aber sie hatten überhaupt keine Gemeinsamkeiten.

Die Einrichtung des Borough Inn bestand zum größten Teil aus dunkel gebeiztem Holz. Die Tische waren mit mannshohen Trennwänden abgeteilt, an denen luxuriöse, mit rotem Samt gepolsterte Bänke standen. Auf Hochglanz polierte Messingbeschläge komplettierten die Ausrüstung des Pubs, den John Smith in eine Kopie des Orient Express verwandeln wollte. Murdok McDuff fand Wilson im letzten Abteil mit seinem fünften Pint beschäftigt.
„Wilson, sie sehen Scheiße aus!“
Der Angesprochene sah mühsam auf.
„Genau die Begrüßung, die ich jetzt brauchte.“
„Im Ernst, sie sollten zum Arzt gehen. Ihr Auge erinnert mich an die Pflaumenernte letztes Jahr. Hervorragende Marmelade.“ Wilson sah seinen Vorgesetzten hasserfüllt an. Gewisse Dinge sollte man nicht zu einem Mann sagen, der sich gerade in Selbstmitleid ertränkt. Oder umgekehrt.
„Der Riss über dem Auge sollte genäht werden. Was war los? Kneipenschlägerei? Dafür sieht’s hier aber noch ganz ordentlich aus.“
„Die Swansons“, murmelte Wilson. Von zwei Greisinnen verprügelt worden zu sein ist keine Heldentat, die man gern laut herausschreit.
„Oh.“ Das blieb McDuffs einziger Kommentar für zwei Minuten. „Da kann man nichts machen. Bleiben sie zwei, drei Tage zu Hause und kurieren sie sich aus.“ Unbewusst tätschelte er dabei Wilsons Hand, genauso wie er es bei seinem Enkel gemacht hätte. Wilson riss seine Hand aus McDuffs großväterlicher Umklammerung.
„Nein!“ bellte er. „Das werde ich nicht! Diesmal sind die Zwei zu weit gegangen!“ Er richtete den Zeigefinger anklagend auf sein Gesicht. „Das hier ist ein unprovozierter Angriff auf die Staatsgewalt. Dafür kommen diese Hyänen an den Strick! Verdammt, wenigstens hätten sie den verdient.“ Die ehrliche Empörung auf Wilsons Gesicht erinnerte Murdok an eine Karikatur.
„Mein lieber Wilson!“ beschwichtigte er. „Seien sie doch nicht so pathetisch. Es sind doch nur zwei alte Frauen.“
„Zwei Monster in Gestalt alter Frauen.“
„Mag sein. Aber nach außen sind es zwei alte Frauen. Sie machen sich zum Gespött mit einem Kreuzzug gegen zwei harmlose Omas.“ Wilsons Gesicht lief rot an, als er sich erhob und McDuff wütend anfun
kelte.
„Harmlos? Die sind nicht harmlos! Die terrorisieren seit Jahrzehnten die Stadt – das wissen sie genau! Nein, die haben sich endgültig zu viel rausgenommen. Wenn sie nicht Manns genug sind, übernehme ich die Sache allein!“ brüllte Wilson, ließ sich zurück auf die Bank fallen und verzog das Gesicht. Seine Nieren hatten nähere Bekanntschaft mit einem Paar orthopädischer Schuhe gemacht. Murdok lehnte sich zurück. Er blickte auf eine lange Erfahrung in öffentlichen Ämtern zurück und hatte festgestellt, dass sich die meisten Dinge durch reine Ignoranz lösen ließen.
„Wilson“, sagte er mit ruhiger Stimme, „sie bleiben die nächsten drei Tage zu Hause. Das ist ein Befehl. Danach sehen wir weiter. Trinken sie erstmal… Nein, besser nicht.“ McDuff winkte in Richtung Bar und orderte einen Pott schwarzen Kaffee. Wilson war zu erschöpft, dem Chief zuzuhören. In seinem inneren Universum bildete sich der unumstößliche Plan, mit dem Bösen in Gestalt der Swansons aufzuräumen. McDuff beobachtete seinen Untergebenen aus halbgeschlossenen Augen und las dessen Gedanken vom Gesicht ab. Was er sah, erfüllte ihn mit leichter Besorgnis, allerdings kannte er Wilson seit dessen Geburt. Es wird schon alles gut, sagte er zu sich selbst, als der Wirt mit dem Kaffee kam und ihm auf die Schulter klopfte.
„Heute Abend hinten im kleinen Raum. Der ganze Club soll kommen“, flüsterte er verschwörerisch
„Heute? Wir haben Dienstag. In zwei Tagen treffen wir uns sowieso.“
„Die Meisterschaften sind in zwei Wochen.“
„So bald?“ Wilson schreckte hoch.
„Wassnlos?“
„Nichts, nichts. Die Meisterschaften sind in zwei Wochen. Hatte ich total vergessen. Ganz sicher in zwei Wochen?“ fragte Murdok.
„Ganz sicher. Vielleicht schon früher.“
„Mist.“ McDuff trommelte mit den Fingern auf den Tisch. „Ich muss los. Also Wilson: lassen sie die Finger von den Swansons!“ Wilson richtete einen alkoholvernebelten Blick auf den davoneilenden McDuff.
„Blöder Brigdeclub“, murmelte er. Dann kippte er nach vorn und schlief ein.

Marx drehte die Heizung noch höher, obwohl ihm bereits der Schweiß auf der Stirn stand. Seit geraumer Zeit erhöhte er unauffällig die Temperatur – seine Sorge galt dabei weniger seinem Wohlbefinden als dem einiger Pflanzen, die er kurz vor der Abfahrt unter dem Sitz versteckt hatte und die es warm und normalerweise auch hell bevorzugten. Und die ihm selbst in einem Kaff wie Borough ein farbenfrohes, unbeschwertes Leben bescheren sollten. Trotz aller Vorbehalte gegen diesen Umzug: Marx hatte die Pläne ihres neuen Domizils studiert und seine Vorteile erkannt. Es gab abgelegene Räume, in denen er seinem Hobby ungestört nachgehen könnte. Davon ausgehend, dass es mit der Polizei in diesem Winkel nicht weit her sein konnte und die sicherlich noch unverdorbene Dorfjugend ein lukratives Kundenpotential bildete, plante er, sich seiner botanischen Leidenschaft in großem Stil zu widmen. Seine Hand wanderte wieder zum Heizungsregler.
„Das hält ja keine Sau aus!“ teilte Harold der Welt mit und kurbelte das Seitenfenster runter. Sofort begann Marx zu keuchen.
„Zugluft!“ krächzte er. Harold überhörte ihn. Marx Keuchen begann den altersschwachen Diesel zu übertönen. „Das Fenster! Kann mal jemand das Fenster zumachen?“ röchelte er.
„Wage es bloß nicht“, knurrte Harold, als Marx an ihm vorbei zur Fensterkurbel langte.
„Die Zugluft ist tödlich für mich“, schnauzte Marx. „Ich bin erkältet! Und es gibt garantiert keinen vernünftigen Arzt in diesem Nest.“
„Einen Aderlass wird er noch hinkriegen. Lutetia, gib deinem Bruder einen Schal von hinten.“ Harold hatte gerade ein Schild entdeckt, auf dem die Entfernung nach Borough mit einhundertzwölf Meilen angegeben wurde, was seine Laune erheblich verbessert hatte. Schließlich war einhundertzwölf genau vier mal achtundzwanzig und achtundzwanzig eine perfekte Zahl – das heißt die Summe ihrer Teiler. Der Gedanke an eine perfekte Zahl machte ihn glücklich (Bem:Harold war einfach zufriedenzustellen) . Er ließ ihn von einem perfekten Leben und einer perfekten Welt träumen. Wobei eine perfekte Welt eine wäre, in der ihn nicht alle für wunderlich halten würden.
„…als ob es jemanden kümmern würde, wenn ich abkratze“, bekam er noch mit.
„Die Pflanzen wahrscheinlich.“ Marx fuhr herum und begegnete dem unergründlichen Blick Lutetias.
„Was hast du gesagt, Lutetia?“ fragte Harold.
„Nichts“, antwortete Marx schnell. „Tagträume oder so was. Nichts Wichtiges.“ Er drehte sich zu seiner Schwester um, die wieder aus dem Fenster sah.
Na warte. Harold hatte inzwischen die Heizung heruntergedreht und das Fenster geschlossen. Marx verzichtete auf weitere Kommentare und dachte darüber nach, was seine Schwester wissen könnte.


Gleich gehts weiter...

Als der Pub noch John Smiths Großvater Peter Smith gehört hatte, war der kleine Raum sorgfältig hinter Wandpaneelen verborgen und ließ sich nur durch Druck auf bestimmte Astlöcher öffnen. Zugang hatte nur, wer das Codewort kannte und den vierstelligen Mindesteinsatz bar vorweisen konnte. In dem fensterlosen Raum hing die einzige Lampe so tief, dass sie nur den Tisch erleuchtete und die daran sitzenden Personen im Dunkeln ließ, die sich in dicke Qualmwolken einnebelten und mit verstellten Stimmen ihre Einsätze bekannt gaben. Auf diese Weise hatte Großvater Smith genug Geld zusammen gescharrt, um seinem Sohn Malcolm ein besseres Leben zu ermöglichen – was ein Jurastudium gegen den Willen des Jungen einschloss. Der zeigte ihn nach erfolgreichem Abschluss wegen Betriebs eines nicht lizenzierten Casinos an. Mit seinem Wissen sorgte er dafür, dass Peter Smith den Rest seines Lebens hinter Gittern verbrachte; seine juristischen Fachkenntnisse halfen ihm, den Gewinn aus Schmuggel, Glücksspiel und einigen anderen Aktivitäten legal zu erben und bis zu seinem Herzinfarkt ein angenehmes Leben zu führen. John genoss immer noch einen großen Teil des großväterlichen Reichtums und betrieb den Pub mehr aus traditionellen Gründen. Diese Tradition veranlasste ihn auch, die Drinks mit etwas mehr Wasser als Alkohol zu mischen und den Verbrauch professioneller Stammtrinker großzügig nach oben abzuschätzen.
Ebenfalls aus Tradition hatte der den Betrieb des kleinen Raumes aufrecht erhalten. Nur war er auf die Bedürfnisse einer neuen Klientel angepasst worden.
Die zweiundsiebzigjährige Mrs. Wilson hatte auf einem Panoramafenster mit Blumen bestanden. Smith hatte nur mit den Schultern gezuckt und ein Fenster eingebaut, welches den Ausblick auf den zwei mal zwei Meter großen Innenhof freigab. Da sich normale Pflanzen mangels Sonnenlicht nicht lange hielten, hatte er die Blumen nach und nach durch Plastikgewächse ersetzt, was niemand zu stören oder zu bemerken schien. Barrabas Homestetter, ausgedienter Opernsänger und Richter, hatte auf ausreichende Beleuchtung gedrängt. Die Ära Murdok McDuffs als Feuerwehrchef hatte dem kleinen Raum einen Rauchmelder eingebracht, der schon einen hitzigen Streit durch die Sprinkleranlage abkühlte. Im Laufe der Jahre waren weitere persönliche Verbesserungen dazugekommen, wobei Mrs. Wilsons Deckchen wohl am auffälligsten waren, die alle horizontalen und einige der vertikalen Flächen bedeckten.
Als Murdok McDuff eintraf, war der Bridgeclub bereits vollständig versammelt. Seine Mitglieder saßen in den üblichen Viererteams an den Tischen, die Karten vor sich ausgebreitet. Aber niemand spielte. Die Karten lagen genauso da, wie sie seit zwei, drei Wochen oder Jahren lagen. In diesem Raum hatte – soweit Murdok sich erinnern konnte – noch nie jemand Bridge gespielt. Heute wirkten alle bedrückt, selbst das Klappern von Amanda Wilsons Stricknadeln klang deprimiert. Murdok spürte die schuldbeladene Aura in diesem Raum; eine Aura, die seiner Meinung nach jeden Menschen umgab, manche stärker, manche schwächer. Er brauchte nicht lange nach der Quelle zu suchen. Die Jahre hatten Murdok mit einem untrüglichen Instinkt ausgestattet. Die Jahre hatten ihn auch mit etlichen Schwimmringen ausgestattet, einer
korrespondierenden Anzahl Kinne und einer rasch größer werdenden Glatze. Seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Wilbur hatte die Natur ein Gebiss aus der Zahnpastawerbung, eine sportlich elegante Figur und ein vertrauenerweckendes Lächeln geschenkt, jegliches Gewissen dafür eingespart. Eine Tatsache, die Murdok schon früh kennenlernte. Egal, ob die Porzellanballerina – das Lieblingsstück ihrer Mutter – oder das Fenster des Nachbarn, Wilbur brauchte nur strahlend zu lächeln, und einen Schuldigen – meist Murdok – zu präsentieren und alle glaubten ihm. Wilbur nahm sich was er wollte und ließ seinen Bruder dafür bezahlen. Es dauerte lange, bis Murdok die Vorteile einer Zusammenarbeit erkannte. Murdok brauchte nur noch jemanden zu besorgen, der alles ausbaden musste, während Wilbur die Präsentation übernahm. Seit diese Masche das erste Mal erfolgreich war, ging es mit den Brüdern steil bergauf, zuerst in den weniger hellen Bereichen des Gesetzes, dann – nahezu legalisiert – in der Politik. Murdok überließ Wilbur die offiziellen Posten, deren Hauptaufgabe darin bestand, zu lächeln und zu winken, während er selbst im Hintergrund jemanden suchte, der es ausbaden konnte.
Umso überraschter war er, dass Wilbur heute ein Bild des Elends abgab. Die anderen Mitglieder des Clubs sahen ebenfalls nicht glücklich aus, woraus Murdok folgerte, dass sie schon Bescheid wussten.
„Was gibt’s?“ fragte er, nachdem er mehrere Minuten mit seinem Whisky verbracht hatte, ohne dass ihn jemand dabei störte. Wilbur zog scharf Luft ein.
„Es war absolut unvorhersehbar. Und in dem Sinne auch nicht meine Schuld.“
„Dein idiotischer Bruder hätte sich auf Lächeln und Winken beschränken sollen“, zischte Mrs. Wilson über das Klappern ihrer Stricknadeln hinweg. Murdok hob erstaunt die Augenbrauen. Er hatte die alte Dame nur einmal so wütend erlebt, und das war Jahrzehnte her. Damals gab es Tote. Einen Toten.
„Ich bin kein Idiot!“
„Was noch zu beweisen wäre“, murmelte Homestetter. „Sag’s ihm schon.“ Wilbur holte noch einmal Luft.
„Du erinnerst dich sicher an die Burg?“ Das tat Murdok. In der Tat war es schwer, die Burg zu vergessen, da selbst der berühmte englische Nebel selten dicht genug war, die kleine, aber massive Anlage aus dem Panorama der Stadt verschwinden zu lassen. Einfallende Normannenhorden hatten vor mehr als tausend Jahren ein schützendes Gemäuer notwendig gemacht, welches im Lauf der Zeit wuchs und wucherte wie ein fröhliches Krebsgeschwür, das ab und zu von diversen Eroberern, Feuersbrünsten und Einstürzen zurechtgestutzt wurde. Der letzte Besitzer hatte es zu seinem Alterssitz umbauen lassen und verstarb, als er am Tag des Einzugs über die Schwelle stolperte und sich das Genick brach. Da er keine Erben hatte, war das Gebäude der Stadt zugefallen. Regelmäßige Zuwendungen der Denkmalpflege schützten das Gebäude vor dem Verfall, verschiedene Gerüchte um die genauen Todesumstände des letzten Besitzers vor neuen Bewohnern. Murdok sah Wilbur so an, dass der seine Entlastungsargumente fallenließ. „Nun, diese Burg, du weißt, sie steht nur so rum und dabei ist sie doch so ein erstklassiges Anlageobjekt. Eine Schande, sie nicht zu nutzen.“
„Wir nutzen sie“, warf Murdok ein. „Und dabei soll es bleiben. Wir. Und niemand sonst.“ Wilbur schluckte.
„Rein theoretisch tun wir das auch. Die Burg ist ein erstklassiges Abschreibungsobjekt.“ Wilbur knetete seine Finger durch. Murdok konnte sich nicht erinnern, ihn jemals so nervös gesehen zu haben.
„Und wo genau liegt das Problem?“ Der Satz hätte Diamanten schneiden können.
„Nun Brenda hatte sich folgendes ausgedacht: Wir verkaufen die Burg an Kapitalgesellschaften, die schreiben ein paar Jahre lang den größten Teil des Kaufpreises ab, danach kaufen wir das Ding zum Restwert zurück. Mehr oder weniger. Ja.“ Wilbur schwieg wieder. Murdoks trommelnde Finger klangen wie Gewehrfeuer und hatten die gleiche Wirkung auf Wilbur. „Ein nahezu perfekter Plan, den sich Brenda da ausgedacht hatte“, murmelte er.
„Also Brenda, was ist an ihrem nahezu perfekten Plan schiefgelaufen?“
„Nichts“, antwortete die junge Frau im grauen Tweedkostüm, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatte. „Der Plan ist perfekt. Und es hätte auch diesmal keine Probleme gegeben, wenn Wilbur nicht reingepfuscht hätte.“
„Ich habe überhaupt nicht…“
„Schnauze Wilbur! Also, was ist passiert? Und bitte leicht verständlich und ohne Ausflüchte, ich verliere langsam die Geduld.“ Brenda Stetson zuckte mit den Schultern.
„Wie gesagt, wir verkaufen die Burg, der Käufer schreibt seine Steuern ab, dann kaufen wir sie zurück. Meistens zum Restpreis, manchmal für weniger. Jedenfalls haben wir die Burg vor drei Jahren an einen Immobilienfond verkauft und hätten sie dieses Jahr zurück kaufen sollen. Leider hat Wilbur die Verhandlungen übernommen. Er wollte nicht den vereinbarten Restpreis bezahlen, sondern nur die Hälfte. Er meinte, die allgemeine Kassenlage und die Preisentwicklung für Immobilien würden das rechtfertigen, aber die Fondgesellschaft hat ihn abblitzen lassen. Punkt ist, wir haben die Burg nicht zurückbekommen. Die Fondgesellschaft hat einen anderen Käufer gefunden.“ Murdok brauchte einen Augenblick, um die Worte zu verdauen. Die Clubmitglieder konnten an seiner Gesichtsfarbe ablesen, wie weit die Erkenntnis in ihm reifte. Und sie wussten, wenn sein Gesicht diese krebsrote Farbe hatte, dann brauchte er ein Ablassventil. Ohne sich sichtbar zu bewegen, bildeten die Anwesenden einen möglichst großen Kreis um Wilbur. Er wirkte im Moment so anziehend wie eine Pappel auf einem flachen Feld während eines schweren Gewitters. Smith betrachtete die schalldichte Tür, die er aus gutem Grund hatte einbauen lassen.
Die Investition hatte sich gelohnt.

Brenda Stetson schön zu nennen wäre eine Lüge; sie wirkte höchstens auf Besenstielfetischisten attraktiv. Warum gerade sie Wilbur McDuffs Sekretärin war, konnten sich Außenstehende nicht erklären, zumal Wilburs Schwäche für physisch besser ausgestattete Frauen bekannt war. Diejenigen, die mit Brenda zu tun hatten, ahnten, warum sie für die McDuffs unentbehrlich war, aber nur die beiden Brüder schätzen ihre Qualitäten über alles. Wilbur und Murdok hatten in den letzten dreißig Jahren ein riesiges Netz an Firmen, Beziehungen und Beteiligungen aufgebaut, welches jährlich mehr als siebzig Millionen Pfund aus den tiefen und manchmal auch trüben Wassern der Wirtschaft siebte. Und Dank Miss Stetsons einzigartiger Begabung wurde das Finanzamt mit drei Pfund und vierundneunzig Pence am Gewinn beteiligt – für Murdoks Geschmack immer noch zu viel. Als nach einer Viertelstunde noch nicht abzusehen war, dass sich Murdoks Wut demnächst legen würde, griff sie ein.
„Was passiert ist, ist passiert. Wir sollten uns um die Schadensbegrenzung kümmern.“ Sie war an der Wand stehen geblieben, mit verschränkten Armen und gleichgültigen Blick. Außerdem hatte sie so leise gesprochen, dass sie über Murdoks Wutausbruch kaum zu hören war. Trotzdem schnappte Murdok wütend nach Luft. Und genauso, wie sich eine viertel Tonne wütender Stier von einem lächerlich gekleideten Hänfling erstechen ließ, kapitulierte Murdok vor Stetson.
„Um dich kümmere mich noch“, fauchte er Wilbur an. Der versuchte Stetson einen dankbaren Blick zuzuwerfen, aber sie ignorierte ihn.
„Soviel wir wissen ist der Käufer ein Immobilienmakler, der exklusive Villen und Wohnungen aufkauft, um sie an exklusive Kunden zu vermieten.“ Das Klappern der Stricknadeln verstummte einen Moment.
„Was heißt exklusiv in diesem Zusammenhang?“ fragte Amanda.
„Leute mit Geld“, antwortete Smith. „Oder nicht?“
„Ich wusste es! Leute mit Geld. Die wir ausnehmen könn…“
„Schnauze, Wilbur!“ fuhr Murdok ihn an. „Also, sind es Leute mit Geld?“ Stetson zuckte mit den Schultern.
„Soviel ich weiß, vermietet er auch an Künstler und Intellektuelle. Und er ist tatsächlich nicht billig.“ Murdok schwieg einen Moment.
„Also könnte es eine Weile dauern, bis jemand in die Burg einzieht?“ St
etson schüttelte den Kopf.
„Nein. Die Burg ist bereits vermietet. Unser hochverehrter Bevölkerungszuwachs dürfte schon auf dem Weg sein.“
„Verdammt!“ Dumpfes Schweigen breitete sich aus, während jeder sich die Schrecken der Zukunft ausmalte.
„Machen wir uns nicht völlig umsonst Sorgen? Sie müssen ja nichts rauskriegen“, unterbrach Wilbur und fing sich eine Kopfnuss von Amanda ein.
„Du bist und bleibst ein Trottel! Verschwindet der Steuerprüfer wenn du die Augen zumachst? Also was ist, wenn sie ihn finden?“ Ein Stöhnen ging durch den Raum. Diese Frage hatten alle gefürchtet. Murdok blies die Backen auf.
„Zuerst werden sie zu mir kommen. Ich denke, ich kann dass Gröbste abwenden.“
„Und wie?“ Murdok zuckte mit den Schultern.
„Ich lasse mir was einfallen. Sollen sie erstmal kommen. Vielleicht merken die ja wirklich nichts.“ Aber diese Hoffnung hegte niemand wirklich. Nicht mal er selbst.

Familie Stubbs erreichte ihr Ziel um zwei Uhr morgens in einer Stimmung, die die Hölle als einen angenehmen Ort erscheinen ließ. Schuld daran trugen ein Traktor und ein Milchwagen, respektive deren Fahrer. Während der Stubbsche Familienwagen mit dem Tempo einer gehbehinderten Schildkröte zwischen den beiden Fahrzeugen dahinkroch, war die Atmosphäre merklich abgekühlt. Harold hatte vermutet, dass es nicht schlimmer werden konnte, als das Gefährt vor ihnen seinen Geist aufgab und die Wahl darin bestand, zu warten, bis der Fahrer den Schrotthaufen repariert hatte oder die letzten vierzig Kilometer im Rückwärtsgang zurückzufahren und eine andere Strecke zu wählen. Die Entscheidung wurde ihnen von Fahrer des Milchwagens abgenommen, der sich weigerte, den Rückweg freizumachen.

Als sie nach sechzehn Stunden Fahrt endlich ihr Ziel erreichten, klappte Marx‘ Kinn nach unten.
„Das soll unser Märchenschloss sein?“
„Eine faszinierende Burg. Sie stammt aus dem neunten Jahrhundert“, sagte Harold.
„Und gammelt seitdem vor sich hin, oder?“ Harold hätte gern etwas Passendes gesagt, über das neue Heim, über einen Neuanfang, das die Familie zusammenhalten muss und das jetzt alles anders, möglicherweise sogar besser wird. Er wurde von Marx unterbrochen, der ohne Abzuwarten auf die Tür zugestrebt war.
„Der Schlüssel!“ bellte er. „Ich hoffe, die haben hier Heizung und fließend Wasser eingebaut. Strom würde an ein Wunder grenzen.“ Harold seufzte.
„Keinen Sinn für die Bedeutung des Augenblicks“, murmelte er. Lutetia stand neben ihm. Sie hatte andächtig die Hände gefaltet und sah zum Burgturm hinauf.
„Zauberhaft!“ sagte sie. Ihr bleiches Gesicht leuchtete im Mondlicht und hob sich von dem schwarzen Samt ab, der ihren Kleiderschrank füllte. Harold hatte dieses Gesicht schon einmal gesehen, vor über fünfundzwanzig Jahren, als er ihre Mutter traf und sie im jugendlichen Leichtsinn geheiratet hatte. Lutetia hatte das Aussehen ihrer Mutter geerbt – und seinen Intellekt. Mit anderen Worten, die vollkommene Frau. Der man nicht ansah, dass sie wegen schwerer Körperverletzung in drei Jahren von vier Colleges geflogen war.
„Wo ist der Schlüssel?“ wiederholte Marx energischer. Harold erwachte aus seinen Erinnerungen und klopfte sich die Taschen ab.
„Ich muss ihn hier haben… nein, da ist er nicht, vielleicht hier? Auch nicht. Ah ja – da!“ Harold hielt den Schlüssel triumphierend in die Höhe, aber erntete nur den eisigen Blick seines Sohnes. Das Türschloss war das modernste Stück an der ganzen Burg. Es ließ sich ohne Probleme öffnen – das verklemmte Tor nicht. Das Gebäude war überraschend gut gesichert, wenn man bedachte, dass es sich mehr oder weniger um eine Ruine handelte.
„Ich werde wohl ein ernstes Wort mit dem Vermieter reden müssen“, bemerkte Harold. „Er hat mir versichert, dass das Haus auf dem neusten Stand und frisch renoviert ist.“
„Du hast einem Makler geglaubt?“ Marx‘ Blick sprach Bände. Das Tor gab einigen entschlossenen Tritten schließlich nach. Lutetia fand den altmodischen Drehschalter und betätigte ihn, worauf eine einsame zwanzig Watt Birne die Dunkelheit in eine Ansammlung trügerischer Schatten verwandelte. Eine in ihrer Ruhe gestörte Ratte huschte durch die Eingangshalle und verschwand in der dahinter liegenden Schwärze. Harold klatschte in die Hände.
„Lasst uns unser neues Heim erkunden!“ Marx und Lutetia drehten sich zu ihrem Vater. In dessen Stimme eine Begeisterung lag, die bei dem vor ihnen liegenden Anblick pervers zu nennen war.
„Dieses Loch…“ Harold hörte gar nicht zu, sondern strebte zu den Türen auf der gegenüberliegenden Seite der Eingangshalle. Er war entschlossen, sich durch die Umstände und vor allem nicht durch seine Kinder die Erfüllung seines Traumes vermiesen zu lassen. Die Geschwister sahen sich an. Marx ließ seinen Zeigefinger über die Schläfe kreisen.
„Es sieht doch gar nicht so schlecht aus“, drang Harolds Stimme gedämpft aus der Ferne. „Ein wenig staubig“, sagte er, als er wieder in der Halle auftauchte, „aber die Möbel sind abgedeckt. Ich könnte sofort anfangen, die Sachen auszupacken während ihr hier saubermacht.“ Ein Blick auf seine Kinder ließ seinen Enthusiasmus schlagartig verschwinden. „Oder wir sollten die Schlafzimmer suchen. Morgen sieht die Sache schon viel besser aus.“
„Niemals“, brummte Marx.

Eine Stunde später schlich eine Gestalt zum Wagen und kehrte mit Blumentöpfen beladen in die Burg zurück. Ebenso wie die Stubbsche Ankunft, wurde auch das von wachsamen Augen beobachtet.

„Exzentrisch. Das könnte man wohl sagen.“ Der Ton, mit dem Amanda Wilson exzentrisch aussprach, deutete auf geistig minderbemittelt hin. Es war neun Uhr morgens und damit noch weit vor Murdoks üblicher Zeit. Aber das nicht enden wollende Läuten des Telefons hatte ihn geweckt und er war auf Amandas Bitte (Bem:Befehl) zu ihr gekommen, wo er immer noch halb betäubt zum nächsten Sessel geschoben wurde. Es gab Tee mit Schuss – was Murdok etwas versöhnte – und die Neuigkeiten vom Bezug der Burg.
„Um Zwei? Was machst du mitten in der Nacht draußen?“
„Ein Spaziergang. Ich konnte nicht schlafen. Eine Stunde später schleicht sich jemand zu ihrem Auto und holt was raus. Hat nicht mal Licht gemacht.“
„Eine Stunde hier und die Karre ausgeräumt. Muss ein neuer Rekord sein.“ Erst dann klickte es bei Murdok. „Du bist eine Stunde vor der Burg rumgelaufen?“
„Ich denke nicht, dass es ein Dieb war. Ich habe die Schlüssel gehört.“
„Hast du jemanden erkannt? Oder was er reingeschleppt hat?“
„Nein, es war ein bisschen undeutlich“, murmelte Amanda. Sie ließ die Bilder der letzten Nacht noch einmal vor ihrem Auge vorbeiziehen. „Ich kann unter dem Nachtsichtgerät meine Brille nicht tragen.“ Murdok prustete seinen Tee in die Tasse zurück.
„Nachtsichtgerät? Zwei Uhr morgens, mit einem Nachtsichtgerät? Was um Himmels Willen machst du da?“
„Ich will nicht stolpern. Die Fußwege sind in einem miesen Zustand. Das Komitee für sichere Bürgersteige sollte mal bei dir vorsprechen.“
„Das kenne ich gar nicht.“
„Keine Angst, das kommt noch.“
„Du bist nicht zufällig die Vorsitzende? Was soll’s, wenn es mir den Besuch des Vereins Keine Grausamkeit Gegen Herrenlose Hunde erspart…“
„Ich denke eher, dass sich diese Kräfte vereinen.“ Amanda Wilson führte ein reges gesellschaftliches Leben. Das hatte ihr die Mitgliedschaft – und auf Grund ihrer Persönlichkeit meist auch den Vorsitz – in einer unüberschaubaren Vielzahl von Vereinen, Komitees und Gruppen eingebracht, so dass sie jede erdenkliche Facette des sozialen Lebens in Borough repräsentierte. Sich mit ihr anzulegen, kam einer gesellschaftlichen Ächtung gleich. Vorsichtig versuchte Murdok, ein anderes Thema anzuschneiden.
„Wir sollten diese Leute erstmal kennenlernen…“
„Du könntest einen Antrittsbesuch machen. Sie in der glücklichen Gemeinschaft der Bürger von Borough begrüßen.“
Murdok runzelte die Stirn.
„Klingt nach Kitschroman.“ Amanda zuckte mit den Schultern.
„Es würde dem Bild eines idyllischen Städtchens
entsprechen. Nimm deinen Bruder mit. Aber er soll nur über das Wetter reden und lächeln.“ Sie überlegte kurz. „Nur lächeln wäre besser.“
„Und vielleicht könnte ein harmlos aussehendes, älteres Mütterchen an ihre Tür klopfen und um eine milde Gabe für irgendeine kirchliche Sache bitten.“ Murdoks Lächeln wurde von Mrs. Wilsons eisigem Blick geschreddert. „Mit dem harmlosen alten Mütterchen habe ich nicht dich gemeint.“
„Ich fühlte mich auch nicht angesprochen.“ Murdok wusste, dass er bei Gelegenheit diese Äußerung bereuen würde. „Andererseits könnte die Vorsitzende der Historischen Gesellschaft Boroughs die neuen Burgbewohner in die Geschichte dieses außergewöhnlichen Bauwerkes einführen. Dabei ein kleines Schwätzchen.“, sagte sie mehr zu sich selbst als zu Murdok. Der klopfte sich mit dem Fingernagel an die Zähne.
„Wir wollen sie doch nicht überfordern“, warf er ein, aber Amanda wischte seinen Einwand mit einer Handbewegung weg. Ihr war eine Idee gekommen.
„Niemand fühlt sich von einer harmlosen alten Dame überfordert.“ Murdok versuchte, sich Amanda als harmlose alte Dame vorzustellen. Er konnte sehen, dass Amanda etwas plante und wusste, dass es sinnlos war, es ihr ausreden zu wollen. Und das es gefährlich wäre, ihr im Weg zu stehen. In seinem Geschäftsleben war er mit einigen zwielichtigen Gestalten zusammengetroffen. Angst hatte er dabei nicht gehabt. Er hatte vor überhaupt nichts mehr Angst. Denn im Vergleich zu Mrs. Wilson war der Rest der Welt harmlos. Aber sie hatte eine Schwachstelle.
„Dein Sohn hat vor, sich mit den Swansons anzulegen. Vielleicht nimmt er ja mütterlichen Rat an, auf mich scheint er nicht zu hören.“
„Haben die zwei ihn wieder versohlt? Der Junge sollte wirklich lernen sich durchzusetzen.“ Sie gab Murdok einen Wink. „Ich kümmere mich drum. Du kannst jetzt gehen.“ Sofort verließ Murdok das Haus. Seine Geschwindigkeit dabei rechtfertigte das Wort Flucht.

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Lutetia Stubbs: Die Beerdigung von Adalbert Finley

Die meisten Leute haben ungern einen Toten im Haus. Nicht so Lutetia: sie hat einen Ruf zu verlieren. Und als ihr der Leichnam von Adalbert Finley abhanden kommt, gilt es schnell zu sein.

Denn Adalbert hinterlässt drei Frauen, die vor Nichts zurückschrecken.

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Lutetia Stubbs: Pantoffelmord

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Enthält fast keine Spoiler zu den anderen Teilen!

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