Mein Onkel Frederik

Er heißt Frederik. Oder er hieß Frederik, er ist nämlich verschwunden. Und, wie gesagt, er war mein Onkel. Oder ist es noch. Denn, egal was die anderen sagen, ich glaube nicht, daß er tot ist. Um genau zu sein, sein Verschwinden hat mich nicht überrascht. Eigentlich hatte ich es schon etwas früher erwartet.

Nun würde mich jeder aus meiner Verwandschaft und auch so fast jeder andere normale Mensch für verrückt halten, wenn ich ihm meine Theorie über Onkel Frederiks Verschwinden erzähle. Aber ich möchte am Anfang beginnen.

Ich war fünf, als ich ihm zum erstem Mal begegnete. Vorausgegangen waren meinerseits eine Lungenentzündung und seitens meiner Eltern eine tagelange Diskussion, ob mir ein Aufenthalt bei Frederik zugemutet werden könnte. Alle hielten ihn nämlich für etwas sonderbar. Einen Abend hörte ich zufällig, wie sich meine Eltern über ihn unterhielten.

„Die Waldluft wird ihm gut tun, Liebling“, sagte mein Vater. „Und das braucht er im Moment am nötigsten, um sich ganz auszukurieren.“

„Du kennst Frederik nicht!“ konterte meine Mutter. „Er wird dem Jungen alle möglichen Flausen in den Kopf setzen. So sorglos und gutmütig, wie er ist, wird er den Jungen kaum im Zaum halten. Wer weiß, was da alles passieren kann!“ In dem Augenblick erspähte mich mein Vater und zwinkerte mir zu. Wir beide wären wohl ziemlich froh darüber, wenn ich mal wegfahren würde.

„Was soll denn schon passieren? Millionen Kinder wachsen außerhalb der Großstadt auf und überleben das. Wie soll das bei unserem Jungen anders sein?“

„Weil auf all die Millionen anderer Kinder doppelt so viele Millionen besorgte Eltern aufpassen, und nicht so ein Luftikus wie Frederik!“ In diesem Augenblick erblickte auch meine Mutter mich und warf mir einen strafenden Blick und die Tür zu.

Schließlich gewann mein Vater die Auseinandersetzung und ich durfte die Sommerferien über fünf Wochen lang Urlaub von meinen Eltern machen. Welche Freude! Und nachdem, was ich über meinen Onkel gehört hatte, würde ich nicht von „Du darfst nicht“ und „Du mußt“ überhäuft werden. Dafür gab mir meine Mutter einen Zettel mit, auf dem stand, was ich alles machen dürfte, und was nicht. Ich verlor diesen Zettel, nachdem ich aus dem Bus stieg und auf Onkel Frederik wartete, der mich abholen sollte. Wie ich noch feststellen sollte, hätte Frederik ihn wahrscheinlich sowieso verloren. Aber ich wollte sicher gehen.

Mein Onkel kam zu spät. Wie ich später feststellte, war das eine seiner Grundeigenschaften. „Pünktlichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“, pflegte er zu sagen.

„Nein, ich habe keine Ahnung wo er sein könnte“, sagte ich zu dem Inspektor, der vor mir saß und das Verschwinden meines Onkels klären sollte. Nach meinem ersten Eindruck vom Inspektor würde Onkel Frederik wohl sehr lange verschwunden bleiben. Jetzt legte er seine Stirn in Falten.

„Aber mir wurde gesagt, daß sie sich sehr nahestanden.“

„Nun ich habe als Kind gern meine Ferien bei ihm verbracht. Damit hatte ich mehr Kontakt zu ihm als irgendein anderer Verwandter. Aber ich bin schon lange kein Kind mehr. Ich glaube, vor fünf Jahren habe ich ihn zum letzten Mal besucht.“ Dazwischen hatten wir telefonischen Kontakt. Dank uns hat die Telefongesellschaft keine Probleme mit roten Zahlen. Das wird sich jetzt wohl ändern. Der Inspektor hatte keine weiteren Fragen und trollte sich.

Waldspaziergänge mit Onkel Frederik waren etwas ganz außergewöhnliches. Mit ihm hatte man das Gefühl, nicht nur einfach durch einen Wald zu gehen, sondern mit ihm ging man durch andere Zeiten, andere Reiche, andere Welten. Zu jedem Ding, sei es Stein oder Baum, Tier oder Pflanze, hatte er garantiert eine Geschichte auf Lager. An eine erinnere ich mich noch besonders deutlich.

Das war am ersten Tag. Onkel Frederik war mir auf den ersten Blick sympathisch. Er kam in einem uralten T-Shirt, löchrigen Jeans und Halbstiefeln, die noch vom ersten Schuster der Welt stammen mußten. Dazu lächelte er immer. Wenn nicht mit dem Mund, dann mit den Augen. Und er hatte immer gute Laune.

Nun, wie gesagt, hatte ich eine Lungenentzündung hinter mir und war noch immer appetitlos. Diesem Zustand wollte er mit einem kleinen Ausflug abhelfen. Von meinen Eltern war ich nur Parkspaziergänge gewöhnt, was bedeutete, in höchstens fünf Metern Abstand von meinen Herrschaften die vorgezeichneten Wege entlangzutrotten.

Aber mit Onkel Frederik war das anders. Er war wie ein Sack Flöhe in einer Person. Kaum paßte ich eine Sekunde nicht auf, war er verschwunden. Irgendwo abseits des Weges, tief im Unterholz konnte ich dann sein fröhliches Pfeifen hören und ihn danach wieder orten.

Er führte mich den Lauf eines kleinen Baches entlang, durch eine kleine Schlucht. Er hüpfte über die Steine von einer Seite auf die andere, während ich darauf achtete, mir weder die Füße naß, noch die Sachen schmutzig zu machen.

An einer Stelle lag ein Baum ungefähr einen halben Meter über dem Boden quer über der Schlucht. Mein Onkel sprang leichtfertig darüber und durch sein Beispiel ermutigt, wollte ich das auch tun. Da ich aber sportlich sowieso keine Leuchte bin und durch meine Krankheit auch noch geschwächt war, blieb ich hängen und verletzte mir beinahe meine damals noch nicht ganz so wichtigen Teile. Ich vergaß jedenfalls meine gute Erziehung und schimpfte über die Forstverwaltung, die solche Fallen nicht beseitigte.

„Scht“, machte Frederik. „Das ist Maloks Brücke. Keine Macht der Welt kriegt die da weg.“ Auf meinen skeptischen Blick hin erzählte mir mein Onkel die ganze Geschichte. Es gab eine Zeit, sagte er, da redeten die Bäume mit allen Bewohnern des Waldes, den Tieren, den Menschen, und dem Halbvolk (so nannte er alles zwischen Elfen und Kobolden). Malok nun war ein ansässiger Leprechaun. Da er der einzige seines Volkes im Wald war, hielten ihn alle für etwas besonderes und Malok hielt sich auch dafür, so daß er sich bald als Herr des Waldes aufspielte. Rücksichtslos setzte er seine Kopf durch.

Nun wollte er eines Tages den Bach durchqueren. Da Leprechauns aber kaum eine Spanne hoch sind, konnte er das Wasser nicht durchwaten, noch konnte er über die weit auseinanderliegendne Steine springen. Da kam Malok auf eine folgenschwere Idee. Er schrie die Bäume an.

„Hey, Bäume! Legt euch über den Bach, damit ich trockenen Fußes hinüber kann!“ Die Bäume ignorierten ihn. Sich über die Schlucht zu legen, käme einem Selbstmord gleich. Und das macht kein Lebewesen gern. „Hört ihr nicht! Ich, Malok, der Herr des Waldes, befehle es euch! Und wenn ihr mir nicht gehorcht, dann werde ich euch ausreißen lassen und niederbrennen!“ Die Antwort war ein gewaltiges Dröhnen unter den Bäumen, so furchteinflößend, daß jedes intelligente Lebewesen für ein paar Tage den Wald verließ. Nur Malok blieb. Als die Bäume bis zum Abend seinem Befehl immer noch nicht befolgt hatten, entzündete er ein kleines Feuer und ging damit zur ältesten Eiche, die im ganzen Wald stand. Und als er sich mit dem Feuer ihrer Rinde näherte, da hörte er ein Krachen hinter sich.

Eine junge Birke lag quer über dem Wasser und Malok ging an das andere Ufer.

„Warum nicht gleich so!“ knurrte er.

„Aber die Bäume vergaßen das nie“, schloß mein Onkel die Geschichte ab, „und sie haben nie wieder mit anderen Lebewesen gesprochen.“ Dann beugte er sich an mein Ohr. „Laut jedenfalls. Denn manchmal, wenn ich mit ihnen rede, dann flüstern sie untereinander und ich höre die Neuigkeiten aus dem Wald. Ich glaube, sie mögen mich.“ Damit sprang er auf und klatschte einer Ulme freundschaftlich auf die Rinde. „Hallo Charlie, wie geht’s!“

Nie in meinem Leben habe ich mehr Spaß gehabt, als wenn ich meine Ferien bei Onkel Frederik verbrachte und wenn ich abends am Kamin seinen Geschichten zuhörte. Eines Abends zog er ein kleines, geheimnisvolles Kästchen hervor und öffnete es. Darin lag ein Schlüssel. Er schillerte in seltsamen Farben und wenn man genau hinsah, konnte man in den eingravierten Mustern alle Orte des Universums entdecken. Er schien für alle Schlösser der Welt gemacht zu sein.

„Dieser Schlüssel“, flüsterte er verschwörerisch, „öffnet die Tür zu den Legenden. Eines Tages werde ich diese Tür finden und hindurchgehen.“ Ich hielt es im ersten Moment für eine seiner Geschichten, aber so wie er sprach und wie er mich ansah, wußte ich plötzlich, daß er es ernst meinte.

Heute morgen war ein Brief in der Post. Es lag ein Schlüssel drin und eine kurze Notiz.

„Vielleicht willst du mal nachkommen. Frederik.“

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