Kapitän Nük und die Suche nach Nirgendwo

Es war einmal, vor nicht allzulanger Zeit, da schipperte ein kleines Schiff über den Ozean. Es war ein altes, langsames Schiff. Einstmals war es leuchtend blau, aber nun war die Farbe stumpf und blätterte überall ab, so daß sich das Rotbraun des rostenden Eisens daruntermischte. Dieses Schiff hatte nur eine sehr kleine Besatzung, genauer gesagt, nur einen Mann und das war Kapitän Nük. Eigentlich war er nicht nur Kapitän sondern auch Schiffsjunge, Koch, Matrose, Maat und was es sonst noch auf einem Schiff so alles gibt. Gerade eben war er der Ausguck und hockte oben im Krähennest, wobei er die Insel, auf die das Schiff zusteuerte, genau im Auge behielt. Er gab den Befehl an den Matrosen Nük, alles zum ankern bereit zu machen, aber da er das selbst war, murmelte er sich den Befehl leise selbst zu und kletterte nach unten, um das Ankern vorzubereiten.

Schon von Kindheit an war Kapitän Nük fest entschlossen, ein großer Entdecker ferner Länder zu werden. Sicher wäre es hilfreich gewesen, wenn er dazu etwas früher geboren worden wäre, denn als er geboren wurde, waren alle fernen Länder schon entdeckt worden. Und die nahen erst recht. Trotzdem war er fest davon überzeugt, daß er ein Land finden könnte, das noch nie ein Mensch zuvor gesehen hatte. Aber vielleicht hatte er ja Glück. Und deshalb machte er, bevor er zum Anker ging, die Tür zu seiner Kapitänskajüte auf und starrte auf die große Karte auf dem Tisch in der Mitte des Raumes. Sie zeigte eine genaue Darstellung der heute bekannten Welt mit bedauerlich wenigen (nämlich gar keinen) weißen Flecken darauf. Noch etwas anderes fehlte – und das erfüllte Kapitän Nük mit Freude und Zuversicht – denn die Insel, auf die er gerade zusteuerte, gab es auf der Karte auch nicht.

Sein ganzes Leben suchte Kapitän Nük schon nach einem bestimmten Ort. Und das war ein langes Leben, was man schon an seinem langen Bart und den struppigen weißen Haaren sehen konnte. Und irgendwo am anderen Ende dieses Lebens, an seinem Anfang sozusagen, da hatte Kapitän Nük, der damals noch kein Kapitän sondern ein kleiner Junge war, einen besten Freund gehabt. Dieser Freund – er hieß Nik – war schon ein armer Bursche. Nicht arm, daß es ihm an Sachen mangelte oder daß er hungrig ins Bett gehen mußte, trotzdem empfing er das Mitleid der ganzen Schule, denn er war der einzige Sohn der einzigen Lehrerin des Dorfes, in dem die Jungen aufgewachsen waren. Und diese Lehrerin… nunja, die Kinder sahen keine Notwendigkeit, ihre Phantasie zu bemühen, um sich einen Drachen vorzustellen.

Nik und Nük verbrachten ihre Tage mit nichts anderem, als ihre eigene Welt zu erforschen. Sie jagten Tiger im tiefen Dschungel, der gleich hinter dem letzten Haus an der Dorfstraße landeinwärts begann oder nahmen es am Strand mit riesigen Kraken auf, die von zufällig vorbeikommenden Erwachsenen mit Quallen verwechselt wurden. Sie fanden unzählige Schätze und einmal befreiten sie sogar eine echte Prinzessin. Die schickten sie aber schnell wieder nach Hause, denn Mädchen eignen sich doch nicht für gefährliche Abenteuer.

Ihr liebster Platz aber war eine Festung, die sie sich tief im Dschungel in der Krone eines mächtigen Baumes gebaut hatten. Dieser Baum war so gewaltig, daß selbst alle Männer des Dorfes nicht ausgereicht hätten, seinen Stamm zu umspannen. Der Stamm war glatt und hoch und konnte aus irgendeinem Grund nur von Jungen erklettert werden, die nicht älter als zwölf sind. Und ganz oben teilte sich der Stamm, streckte sich in Ästen nach allen Seiten hinweg und schuf so eine Fläche, die groß genug für ein ganzes Haus war. Oder für Niks und Nüks Festung. Natürlich war es eine geheime Festung und niemand – außer den allerbesten Freunden – wußte davon. Vor allem kein Erwachsener. Denn die glaubten, daß da oben in der Krone des Baumes nur eine armselige Bretterbude steht und das es viel zu gefährlich für kleine Jungen ist, da hinauf zu klettern. Aber diese Festung wurde der Mittelpunkt ihrer Abenteuerreisen in das Land ringsum.

So war es auch an dem Tag, an dem sie den Minotaurus aus ihrem Reich vertrieben. (Die Dorfleute behaupteten, ein Kälbchen hätte sich von seiner Herde getrennt und in dem kleinen Wäldchen verirrt.) Das war ein großes Ereignis, aber auch eine ganz andere Geschichte und deshalb steht hier nichts weiter darüber. Außer, daß sich Nik und Nük nach dem Kampf in den Schutz ihrer Festung zurückzogen und sich ausruhten. So kam es, daß beide tief und fest einschliefen und erst wieder erwachten, als der Mond schon fahl in die Fensteröffnungen schien.

„Auweia!“ sagte Nik.

„Uuuuuaaaaahhhhh!“ gähnte Nük und setzte sich auf. Nik war schon auf dem Weg nach unten. Auch Nük wußte, was es für seinen Freund bedeutete, gegen eine Regel seiner Mutter zu verstoßen. Und deshalb eilte er ihm nach, um Nik so gut wie möglich beizustehen.

Nik’s Mutter wartete schon an der Tür, als die beiden kamen. Ihr Mund war nicht mehr ein dünner Strich.

„Woher kommst du?“ zischte sie und ihr Kopf schien dabei auf ihrem langen, schmalen Hals zu pendeln wie der eines Drachen es auch tun würde.

„Von Nirgendwo“, stammelte Nik. Nichts würde ihn je dazu bringen, ihre geheime Festung zu verraten. Die Hand seiner Mutter schoß nach vorn und zog ihn am Ohr durch die Tür zu der großen Weltkarte, die an der größten Wand im Raum oder im Geografieunterricht auch manchmal in der Schule hing.

„Zeig mir dieses Nirgendwo!“ befahl sie. Nik sah verwirrt auf die Karte, zu seiner Mutter, wieder zur Karte.

„Das kann ich nicht“, flüsterte er schließlich.

„Aha!“ rief seine Mutter. „Dann wirst du solange nicht rausgehen, bist du es kannst. Und mit dem da“, ihr dürrer Finger zeigte auf Nük, der sich bis an die Tür vorgewagt hatte, „hast du solange nichts mehr zu tun, bis zu es kannst!“

Natürlich sahen sich Nik und Nük noch jeden Tag in der Schule, aber Nik’s Mutter setzte sie sofort auseinander, an die entgegengesetzen Ecken des Raumes, und in der Pause und nach dem Unterricht paßte sie auf, daß Nik sofort nach Hause ging und kein Wort mit Nük wechseln konnte.

An diesem Tag schwor sich Nük, solange nach Nirgendwo zu suchen, bis er es gefunden hatte. Dann würde er Nik sagen, wo er seiner Mutter Nirgendwo auf der Karte zeigen konnte und dann wäre sein Freund frei und sie würden beide fortziehen, Abenteuer bestehen und nie wieder zurückkehren.

Von diesem Tag an paßte Nük im Geografieunterricht besonders gut auf und suchte mit seinen Augen die Karten nach einer Stelle ab, an der Nirgendwo liegen könnte. Einmal sogar, hob er den Finger und fragte: „Wo liegt denn Nirgendwo?“

Und wieder sah die Lehrerin aus wie ein Drachen, als sie ihn verschlagen anschaute und einen Tadel gab – wegen Störung des Unterrichts.

Überhaupt fragte Nük jeden, den er traf, nach Nirgendwo. Solange er ein Kind war, lächelten die Erwachsenen. „Nein, was hat der Junge für Ideen“, sagten sie meist. Aber antworten konnte ihm keiner. Als er älter wurde, lächelten sie nicht mehr. Dafür tippten sie sich mit dem Finger an die Stirn und meinten, er müsse wohl verrückt sein. Aber Nük wußte es besser. Er war normal. Vielleicht sogar der einzige normale Mensch auf der Welt. Und er suchte weiter nach Nirgendwo.

Nur einmal hatte er Glück – bei einem alten Mann. Der saß am Strand und angelte, als Nük ihn fragte.

„Nirgendwo…“, murmelte er und saß solange gedankenverloren da, daß Nük schon weitergehen wollte, „…das muß irgendwo da draußen liegen“, sagte er und wies hinaus aufs Meer. „Weißt du, Junge, wenn es auf dem Land hinter uns liegen würde, dann hätte es schon irgendjemand entdeckt. So zufällig, wie ein Geldstück. Man sucht es nicht, aber man findet es. Also da hinten hätte es schon jemand gefunden. Aber da draußen…“ und er zeigte wieder aufs Meer „…da laufen nichts so viele Leute rum, da kannst du es probieren.“

Und so wurde kurz darauf aus dem Jungen Nük ein Kapitän Nük und der schipperte mit einem alten blauen Boot über das Meer. Und mitten in seiner Kapitänskajüte, ausgebreitet auf einem Tisch, lag die Karte aus seiner Schule. Er hatte sie mitgenommen, als er auf Reisen ging.

Kapitän Nük trug nie seinen Kurs ein oder versuchte herauszufinden, wo er war. Er wußte es einfach. Und überhaupt: einem Kurs zu folgen würde bedeuten, nach Irgendwo zu wollen. Aber gerade das wollte er nicht. Und heute schien er recht zu haben.

Kapitän Nük warf den Anker, ließ sein kleines Beiboot zu Wasser und ruderte auf die Insel zu.

Sie sah auch wirklich seltsam aus: grün und von der Form einer halben Melone, mit einem schmalen gelben Streifen Strand drumherum. Und je näher Kapitän Nük der Insel kam, desto vertrauter erschien sie ihm: so, als wäre er schonmal dort gewesen. Doch da kribbelte ihn etwas auf dem Rücken – genau an der Stelle, wo man selbst mit den akrobatischsten Verrenkungen nicht hinkommt, um sich zu kratzen. Gefahr! wußte Nük. Sofort hob er eines seiner Paddel und schlug mit voller Kraft auf den Tentakel des Riesenkrakens, der sich lautlos hinter ihm ans Boot herangemacht hatte. Blitzschnell wurde der schleimige Arm ins Wasser zurückgezogen und ein dunkler Fleck schoß in Richtung Meeresboden davon. Aufmerksam beobachtete Nük das Wasser ringsum, ob der Krake noch ein paar Freunde mitgebracht hatte, aber alles war jetzt wieder friedlich und still. Mit einem leisen Knirschen schob sich sein Boot schließlich auf den Strand. Kapitän Nük zog es noch ein wenig höher um es vor dem Abtreiben zu schützen und sah sich dann um.

Ja, diese Insel war seltsam. Aber seltsamerweise war sie genauso, wie Kapitän Nük es sich vorgestellt hatte. Auch wenn er nicht wußte, warum er sie sich so vorgestellt hatte. Er sah sich um und überlegte, was zu tun sei. Er hatte ja den größten Teil seines Lebens auf dem Meer verbracht und kam sich an Land ein wenig hilflos vor. So beschloß er, das Eiland erst einmal zu umrunden. Die Insel war nicht sehr groß, aber er brauchte einen halben Tag, bis er wieder an seinem Boot war. Unterwegs hatte er nichts besonderes gesehen bis auf eine bestimmte Stelle: es war ein Bach, der sich durch die Bäume schlängelte, dann als eine schnurgerade Linie über den Strand lief und danach ins Meer verschwand. Nük wußte genau, wo die Quelle dieses Baches lag und jetzt, nachdem er sich überzeugt hatte, daß es sonst nichts anderes auf der Insel gab, ging er zurück um diese Quelle zu suchen. Der Weg war zwar schwierig, aber Kapitän Nük erinnerte sich an alle Tricks, wie man die Hindernisse überwinden konnte. Und als er endlich an der Quelle stand, da sah er ihn.

Der Baum war immer noch gewaltig groß. Genauso, wie er ihn als Junge in Erinnerung hatte. Und hoch oben, dort wo sich der Stamm teilte und in die Äste ausstreckte, dort stand ihre Festung. Keine armselige Bretterbude, wie die Erwachsenen immer gesagt hatten, sondern eine Burg aus Stein, mit einer echten Mauer und echten Zinnen drauf. Kapitän Nük begann den Baum hinaufzuklettern und verschwendete keinen Gedanken daran, daß dies eigentlich nur zwölfjährige Jungen können. Und wahrscheinlich deshalb konnte er es auch.

Die Festung hatte sich nicht verändert. Sie war noch genauso, wie Nik und Nük sie als Kinder gebaut hatten. Und sie war immer noch riesig: Kapitän Nük konnte sich auf die Zehenspitzen stellen und sich strecken wie er wollte: die Decke konnte er nicht berühren. Er wanderte durch all die Räume und fand Dinge wieder, die er vor langer Zeit verloren zu haben glaubte. Aber eines fand er nicht; einen anderen Menschen. Kapitän Nük wunderte sich überhaupt nicht darüber – es war ja eine geheime Festung und niemand außer Nik und ihm kannte sie und Nik durfte ja nicht mehr hierher; also wer sollte sonst noch hierher kommen?

„Guten Tag, Kapitän Nük!“ sagte eine Stimme hinter ihm. Kapitän Nük sprang erschrocken gut einen Meter senkrecht in die Höhe und landete recht unsanft auf dem Po. Als er so dasaß, schaute er einer Gestalt in die Augen, wie er eine seltsamere noch nie gesehen hatte. Und er hatte schon eine Menge gesehen. Das Männlein reichte ihm stehend gerade bis zu den Hüften, aber es hatte einen Hut auf, der höher war als es selbst. Die Augen blinzelten hinter einer dicken Brille, deren Plastikbügel mit Pflaster geflickt waren. Seine Jacke glänzte golden und war mit bunten Blumen und Tieren bestickt, ebenso wie die Hose und sein Hut. Und an den Enden seiner spitzen Schuhe bimmelten leise kleine Glöckchen.

„Wer bist denn du?“ fragte Kapitän Nük erstaunt.

„Ich bin Niemand“ sagte der kleine Kerl fröhlich. „Aus: Mit wem sprichst du gerade, Nik? Mit Niemand, Mama.“

„Du kennst meinen Freund Nik?“ rief Kapitän Nük jetzt noch mehr erstaunt.

„Natürlich!“ antwortete der kleine Mann. „Er war oft hier. Obwohl er den kürzeren Weg gekommen ist. Wie du früher auch.“

„Moment mal!“ rief Kapitän Nük. „Mir kommt das zwar alles irgendwie bekannt vor, aber ich war ganz sicher noch nie hier gewesen!“

„Doch, doch“, entgegnete der kleine Herr Niemand. „Immer wenn du durch den kleinen Hain gegangen bist, bist du auch hierher gekommen. Oder wen du zu dem Strand vor dem Dorf gelaufen bist, dann bist du auch hier über den Strand gelaufen.“ Dabei sprang Herr Niemand immer rings um den Kapitän Nük herum, so daß dieser Mühe hatte, sich immer mitzudrehen.

„Das geht nicht“, fuhr Kapitän Nük auf, „niemand kann an zwei Orten gleichzeitig sein.“

„Falsch!“ rief Herr Niemand und sprang direkt vor den Kapitän Nük. „Im Gegenteil: es ist sogar ziemlich schwer, nur an einem Ort gleichzeitig zu sein.“

„Das finde ich gar nicht“, grummelte Kapitän Nük.

„Weil du ein Erwachsener bist, deshalb. Kinder sind praktisch die ganze Zeit in mindestens zwei verschiedenen Welten: ihrer und der Welt der Erwachsenen. Ganz einfach.“ Doch plötzlich hörte Herr Niemand auf, herumzuspringen. „Nicht einfach“, murmelte er. „nein, das ist nicht einfach. Sagen sie, Kapitän Nük: Wie kamen sie her?“

„Nun, das ist einfach: ich habe diesen Ort gesucht.“ Herr Niemand runzelte die Stirn.

„Das ist dumm. Sie hätten doch bloß nie wegzugehen brauchen!“ Das wurde dem Kapitän Nük dann doch zu eselig. Er wollte sich von Herrn Niemand verabschieden, doch da stellte er fest, daß er ganz allein in dem Raum war. Ganz in seine Gedanken versunken, machte er sich auf den Weg zurück. Als er wieder auf seinem Schiff angekommen war, ging er in den Raum mit der Karte. Er hatte zwar nicht alles verstanden, was der Herr Niemand gesagt hatte, aber er war sich sicher, daß diese Insel das Nirgendwo war, welches sein Freund Nik nur auf der Karte zu zeigen brauchte, um frei zu sein. Kapitän Nük griff gerade zu einem Stift, um die genaue Position einzuzeichnen, da segelte ein kleines Papierflugzeug durch das offene Fenster und blieb genau vor ihm liegen. Auf den Flügeln stand folgendes geschrieben:

Nirgendwo ist irgendwo.
Nirgendwo ist überall.

Und als er aus dem Fenster schaute, war die grüne Insel, die ausschaute wie eine halbe Melone, verschwunden.

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