Das Flusspferd, das Posaune blies

Die Nacht kommt schnell über die Ufer des Nils, so wie sie in allen Ländern des Südens den Tag verdrängt. Lautlos wischt sie die drückende Hitze von den endlosen Ebenen der Wüsten, während die Sonne im letzen Aufbäumen den Himmel rot färbt. Die Schatten der Tiere heben sich vom Horizont ab, werden größer und vermischen sich mit der kurzen Dämmerung, bevor die Dunkelheit sie verschluckt. Von der angenehmen Kühle hervorgelockt, verlassen Menschen und Tiere ihre schattigen Unterkünfte, die einen, um ihr Tageswerk abzuschließen, die anderen, um ihre Jagd zu beginnen.
Lagerfeuer werden angezündet, Menschen sitzen beieinander und beginnen Geschichten zu erzählen. Die Tiere der großen Herden drängen sich zusammen, um sich Wärme und Schutz zu geben. Die Zeit wird ruhiger und verliert die Hektik des Tages, außer bei den Moskitos, die die Zeit nicht verstehen und sirrend ihre Opfer suchen.

Dann beginnt die Musik. Zuerst zupfen die Grillen und Zikaden die Saiten und spielen ihre klagenden, sehnsuchtsvollen Lieder, die von ihrer Suche nach der einen Liebe handeln. Das letzte Brüllen eines Löwen trifft auf das unhörbare Klicken der ersten Fledermäuse, die ihren Weg durch die Nacht finden. Das höhnische Lachen der Hyänen schallt weit und löscht für einen kurzen Moment alle anderen Geräusche aus. Die Vögel hören auf zu streiten und singen leise ihre Abendlieder.

Nur an einer Stelle über dem Fluß ist es still und fast nichts regt sich. Ein Vogel schnellt über das Wasser und verschwindet im aufgesperrten Rachen des Krokodils. Das Flusspferd liegt regungslos im Wasser, nur die Nase noch zu sehen und die Ohren, die auf das Ufer gerichtet sind und manchmal aufmerksam zucken.
„Was hast du?“ fragt das Krokodil. Das Flusspferd und das Krokodil sind keine Freunde, aber Nachbarn und das Krokodil ist satt genug, um jetzt auch anderen Dingen Aufmerksamkeit zu schenken.
„Nichts“, sagt das Flusspferd und dreht sich weg.
„Dieses Nichts macht dir Kummer“, sagt das Krokodil.
„Hörst du das?“ fragt das Flusspferd leise. Das Krokodil lauscht.
„Nein, ich kann nichts hören bei diesem Lärm.“
„Musik“, sagt das Flusspferd, „das ist Musik.“
„Das macht mich auch krank.“
„Ich kann keine Musik machen“, sagt das Flusspferd.
„Ich auch nicht“, erwidert das Krokodil.
„Aber dich fürchten alle… Mich lachen sie aus.“ Das Krokodil hat noch nie ein weinendes Flusspferd gesehen.
„Wenn du eine Antilope frißt“, schlägt es vor, „bekommst du eine Menge Respekt.“
„Das ist nicht das gleiche. Sie sollen mich ein wenig bewundern, etwas mögen… Spürst diese Lieder? Im Herzen?“
„Nein“, antwortet das Krokodil. Das Flusspferd hört ihm nicht zu.
„Ich will auch so etwas können“, sagt es nach einer Weile. „So etwas wunderschönes… Ich hab es mit Singen versucht, aber es klappt nicht.“ Dann taucht es den Kopf ins Wasser. Das Krokodil denkt nach und erinnert sich. Es ist ein langer Weg, aber die Mühe wert.

Erst am folgenden Abend ist es zurück. Quer im Maul trägt es ein glänzendes, verbogenes Metallrohr, breit an dem einem Ende, schmal am anderen. Das Flusspferd steht wieder an der Stelle im Fluss, an der es jeden Abend steht, und lauscht. Es dreht sich um, als sich das Krokodil nähert.
„Was hast du da?“
„Daait achen Chweieiner uchik“, antwortet das Krokodil. Das Flusspferd betrachtet den Gegenstand genauer.
„Bist du sicher?“ Das Krokodil legt den Gegenstand vorsichtig ab.
„Ich hab’s selbst gesehen. Sie ziehen da und blasen da rein und dann macht es Musik.“
„Aha“, sagt das Flusspferd und starrt nachdenklich darauf. „Und wie hast du es bekommen?“
„Hab den Zweibeiner gefressen.“
„Du hast ihn gefressen!“ keucht das Flusspferd. „Er hat Musik gemacht!“
„Ich werd es nie wieder tun“, beteuert das Krokodil. „Zu viele Knochen und zu wenig Fett.“ Dann verschwindet es. Die Reise hat hungrig gemacht.

Das Flusspferd sieht die Posaune an. Wenn sogar Zweibeiner damit Musik machen können – und Zweibeiner sind überhaupt nicht musikalisch, wie jedes Tier weiß – dann kann es jeder. Vorsichtig nimmt es das schmale Ende ins Maul und pustet. Eine Fontäne aus Wasser und Schlamm kommt aus dem anderen Ende, aber kein einziger Ton. Nocheinmal. Diesmal mehr Wasser, weniger Schlamm und ein klägliches Fiepen. Beim dritten Mal: kein Wasser, kein Schlamm aber ein satter, tiefer Ton, der ihm ins Herz geht. „Ja, das ist Musik.“
Das Flusspfer stellt fest, dass sich der Ton verändert, wenn es an der Schlaufe zieht. Es klemmt sich den Bogen zwischen die Vorderfüße und probiert es so. Es hängt die Posaune an einen Ast und probiert auch das. Es probiert einen wilden Tanz, bei dem die Schlaufe selbst in dem Rohr hin und her gleitet, um die richtigen Töne zu treffen. Es übt und übt und übt und übt, tagelang, wochenlang hinter den Wasserfällen, die alles übertönen. Und abends lauscht es an der alten Stelle der Musik, mit Zufriedenheit im Herzen. „Bald kann ich das auch“, denkt es. Das Krokodil sieht das zufriedene Lächeln und denkt: „Die Sache mit der blöden Musik ist vergessen.“

Bis zu diesem Abend. Das Flusspferd hat gewartet, geübt und probiert, bis es seine Musik gefunden hatte. Es wartet, bis die Vögel aufgehört haben zu streiten, bis sich die Ruhe der Nacht über die Savanne gelegt hat. Dann ist der Moment gekommen. Es holt die Posaune aus dem Versteck und das Krokodil denkt: „Oh nein!“

Das Flusspferd beginnt zu spielen. Das Lied, das es seit seiner Geburt in seinem Herzen trägt und das jetzt zum ersten Mal seinen Weg nach draußen findet. Das Lied schwebt über die weiten Ebenen und erzählt allen, die es hören, die Geschichte des Flusspferdes, das Posaune spielt.

Nachdem die letzten Töne in der Nacht verschwinden, bleibt es still über den endlosen Weiten. Sogar die Vögel vergessen zu singen.

Und das Krokodil weint.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*