Felix – Held in Ausbildung (Leseprobe)


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Entschuldigung des Fehlens von Felix Krollman am
Freitag, den 17. November

Sehr geehrter Herr Lehrer, sicher haben Sie bemerkt, dass
ich am Freitag nicht im Unterricht war und dadurch leider
die angekündigte Mathematikklausur versäumt habe, an der
ich wirklich teilnehmen wollte. Ich könnte jetzt eine
halbwegs glaubwürdige Ausrede erfinden oder ein gefälschtes
ärztliches Attest vorlegen, aber Sie sagen ja immer, die
Wahrheit wird von Ihnen am wenigsten bestraft und kommt
sowieso ans Licht. Deshalb will ich Ihnen jetzt möglichst
genau schildern, welche Ereignisse mein Erscheinen
verhindert haben.

Wie Sie sicher wissen, war dieser Freitag relativ kühl und
es nieselte. Da mir am Vorabend beim Weckerstellen ein
Fehler in der Disposition bezüglich der Weckzeit
unterlaufen war, wurde es sehr eng mit der Zeit. Nun hätte
ich es mit einer geringfügigen Verspätung doch noch zur
Schule schaffen können, aber wie gesagt, es war kühl. Und
meine Mami sagt immer, wenn es kühl ist, dann nimm einen
Schal. Den hatte ich in der Eile meines Aufbruches glatt
vergessen, deshalb musste ich noch einmal umkehren,
schließlich bin ich gut erzogen und kann die Anweisung
meiner um mich besorgten Mami nicht einfach ignorieren.
Deshalb konnte nicht wie gewohnt mit ein paar Freunden zur
Schule gehen.

Zu Hause war leider niemand mehr da, denn, wie Sie wissen,
arbeiten meine Eltern beide, obwohl meine Mami nur halbe
Tage. Ich musste deshalb allein nach dem Schal suchen, den
ich nicht gleich fand, weil meine Mami am Tag zuvor
aufgeräumt hatte. Ich finde übrigens nie etwas von meinen
Sachen, wenn meine Mami aufgeräumt hat.

Vollkommen unvermutet hatte Mami den Schal gut sichtbar an
der Flurgarderobe aufgehängt. Deshalb dauerte die Suche
auch etwas länger. Danach verließ ich schnurstracks das
Haus, um nicht zuviel vom Unterricht zu versäumen. Ich
schloss gerade die Haustür zu, als ich hinter mir eine
Stimme hörte. Da sie schon einige Hausbesuche bei uns
gemacht haben, wissen sie ja, dass unser Haus etwas abseits
in einer kleinen Buschoase liegt. Ich vermutete, dass sich
eine kriminelle Gestalt in diesem Gebüsch versteckte und
auf die Gelegenheit wartete, ein schwaches, wehrloses Kind
zu überfallen und den Hausschlüssel zu rauben. Ich drehte
mich also blitzschnell um und wollte dem Gegner durch einen
speziell trainierten Kampfschrei Angst einjagen. Doch als
ich Auge und Auge mit dem Unhold stand, blieb mir der
Schrei im Hals stecken. In diesen Sekunden wiederholte das
Wesen seine Frage.

„Could you please helping me?“ Ich habe mir von meinem
Papa später sagen lassen, dass das in einem
grammatikalisch unzulässigen Englisch so etwas wie „Kannst
du mir bitte helfen?“ heißen sollte, aber selbst wenn ich
Englisch so gut könnte, hätte mir das im Moment kaum
geholfen. Ich war nämlich völlig baff. Denn vor mit stand
ein ausgewachsener Troll!

Glauben Sie nicht, dass das nur ein Produkt meiner
Phantasie war oder ich Ihnen was vorschwindeln will! Nein,
da war wirklich ein Troll! Ich wusste sofort, dass das
einer ist, obwohl ich vorher noch nie einen gesehen hatte.
In diesem Moment war ich mir aber nicht der Einzigartigkeit
meines Erlebnisses bewusst sondern eher dessen, dass die
gewaltige, gut anderthalb Meter lange und mindestens
hundert Kilo schwere Keule, die er über seiner Schulter
trug, mir im Ernstfall empfindlich weh tun könnte. Und
genau in diesem Moment nahm er das Ding von der Schulter
und mir wurde schwarz vor Augen. Naja, Urglat (das ist sein
Name) hat später beteuert, dass er die Keule nur absetzen
wollte, um mir die Hand zu geben. Ehrlich gesagt, er ist
auch ganz anders als die Trolle, von denen man sonst so
liest. Er ist nett, freundlich und vollkommen harmlos, wenn
er genug gegessen hat.

Das Nächste, was ich mitbekam, war, dass mich Urglat wie
eine Feder hoch hob (er ist furchtbar stark, falls ich das
noch nicht erwähnt hatte) und in die Büsche trug. Dort sah
ich etwas, was mich an einen Riss in unserem
Raum-Zeit-Kontinuum erinnerte. Ich spürte ein eigenartiges
Kribbeln vom Scheitel bis zur Sohle, als mich Urglat durch
diesen Riss trug, so, als würde man in eine
Wasseroberfläche eintauchen, nur dass hinter der Oberfläche
kein Wasser, sondern ein anderes Universum war. Die
Erkenntnis, in ein Paralleluniversum verschleppt, in der
Gewalt eines übermächtigen Feindes zu sein und nur geringe
Hoffnungen zu haben, nach Hause zurückzukehren, waren
zuviel für meine empfindliche Psyche. Mit anderen Worten,
ich fiel in Ohnmacht. Schon wieder.

Als ich zu mir kam, sah ich nur weiß. Ich lag bäuchlings
auf einem weißen Marmorfußboden in einem Zimmer mit weißen
Marmorwänden, dessen weiße Marmordecke von weißen
Marmorsäulen gestützt wurde. Die Architektur war nicht
schlecht, nur die Farbgestaltung etwas eintönig – meiner
bescheidenen Meinung nach.

Ich muss wohl eine ganze Weile weggetreten sein, denn ich
hatte außer Kopfschmerzen noch einen gewaltigen Hunger
bekommen. Ich begann etwas zu Essen zu suchen, da öffnete
sich ein Vorhang. Ich hatte ihn vorher nicht bemerkt, weil
er ebenfalls weiß war. Dahinter trat eine Prinzessin
hervor. So eine richtige Märchenprinzessin mit einem
Goldreif auf der Stirn und ganz in weiß gekleidet. Hätte
ich einen älteren Bruder, dann würde der sagen, sie war ein
richtig steiler Zahn. Da ich aber erst zwölf Jahre alt bin,
habe ich noch einen klaren Verstand und kann ohne
Übertreibung sagen, dass sie sehr gut aussah. Nur etwas
blass, es kann aber auch sein, dass das ganze Weiß im
Zimmer auf sie abgefärbt hat. Ich schätze mal, dass sie
nicht viel älter war als ich, höchstens zwölf oder
dreizehn. Sie sah aber jünger aus.

„Willkommen, Held aus der anderen Welt. Ich bin Prinzessin
Lara.“ Mit dem Helden muss sie mich gemeint haben, weil
sonst kein anderer im Zimmer war. Ich habe mich aber in
diesem Moment nicht angesprochen gefühlt. Erst als sie mich
anguckte, als müsse ich was sagen, habe ich begriffen, dass
sie mit mir redete.

„Hi! Auch einen schönen Tag! Kannst du mir sagen, was hier
überhaupt los ist?“ erwiderte ich ihre Begrüßung. Ihre
Stimme klang übrigens wie Honig. Das habe ich mal gelesen
und mich gewundert, was das heißen sollte. Jetzt wusste ich
es. „Und ich könnte was Essbares gebrauchen“, hängte ich
dran. Sie klatschte in die Hände.

„Du sollst sofort etwas zu essen bekommen. Aber iss
schnell, wir müssen zum Hohen Rat. Der klärt dich über
deine Mission auf.“ Gleich wieder Stress! Wie ich das
liebe. Ein weißgekleideter Diener erschien mit einem
riesigen Tablett voll biologisch wertvollen Obsts. Ich
habe mich nicht gleich darauf gestürzt. Erst mussten ein
paar dringende Fragen geklärt werden.

„Kannst du mir sagen, wo ich hier bin?“

„Du bist auf Zamora, dem Schwesterplaneten deiner Erde.“

„Damit weiß ich genauso viel wie vorher.“

„Du kennst dich mit den verschiedenen Dimensionen nicht so
aus?“ Auf mein Kopfschütteln redete sie weiter. „Es ist
ganz einfach. Wir leben in eurer Welt, aber so, dass ihr uns
nicht sehen könnt. Nur manchmal, in ihren Träumen, gelangen
einige Menschen hierher und können von Zamora berichten.
Und aus diesen Berichten entstanden eure Sagen, Legenden
und Märchen.“

„Dann bin ich in einer Traumwelt, oder so?“

„So ähnlich. Du bist in einem realen Traum. Und zwar
gefangen.“

„Klingt als gibt es keinen schnellen Rückweg.“

„Du musst uns helfen und eine Aufgabe erfüllen. Dann
können wir dich zurückschicken. Wenn du aber die Aufgabe
ablehnen willst, weil du Angst hast und dich nicht traust
sondern dich fürchtest, dann bringen wir dich gleich
zurück. Natürlich würde dann meine Dimension vernichtet
werden und du würdest dir wahrscheinlich dein Leben lang
die Schuld dafür geben. Aber wir wären da wirklich nicht
nachtragend. Wie sollten wir auch? Uns wird es dann nicht
mehr geben.“ Bei dem Ton und der Argumentation konnte ich
verständlicherweise nicht sofort ablehnen, obwohl ich laut
meiner Uhr dadurch den Mathematikunterricht versäumen
würde.

„Ich kann mir ja anhören, was ihr von mir wollt.“ Darauf
hat sie nur gelächelt und ich habe mich über die Früchte
hergemacht.

Nachdem ich meinen Hunger gestillt hatte, nahm Prinzessin
Lara mich an der Hand und führte mich zur Tür. Dort habe
ich mich von ihrer Hand befreit, da Händchenhalten nichts
für einen richtigen Jungen ist, und folgte ihr. Dabei sah
ich, dass das ganze Schloss weiß war, wirklich alles.

„Weißt du Lara, mein Papa ist ein guter Innenarchitekt.
Falls dir die Farbe auch auf den Keks geht, könntest du ihn
rüberholen lassen. Der macht die Bude hier wohnlich“, sagte
ich.

„Geht nicht. Das hier ist das Weiße Schloss und Weiß ist
bei uns die Farbe für alles Reine und Gute. Das soll dafür
stehen, dass ich mein Volk immer gerecht und weise regiere.
Ein Spritzer Farbe bringt unser Gesellschaftssystem zum
Wanken.“ Nun gut, das sollte dann ihr Problem sein.
Glücklicherweise führte sie mich auf den Hof, wo ein paar
Pferde auf uns warteten. Raten sie welche Farbe.

Nachdem Lara höflich, aber bestimmt, eine Eskorte
abgelehnt hatte, ritten wir los.

Bis zu diesem Moment hatte ich noch keine Gelegenheit
gehabt, einen Blick nach draußen zu werfen, denn während
der ganzen Zeit kam ich nie nah genug an ein Fenster, um
die Landschaft zu betrachten.

Jetzt war ich aber überwältigt von der Pracht des Landes.
Saftig grüne Grasflächen wellten sich über sanfte Hügel
soweit das Auge reichte. Farbenprächtig blühende Bäume
wuchsen überall und verströmten einen angenehmen, süßen
Duft. Wir folgten einem breiten Sandweg, der sich durch die
grüne Fläche wie eine riesige gelbe Schlange wand, immer
zwischen den Hügeln entlang.

Zuerst war ich etwas verwirrt, denn sowohl vor, als auch
hinter mir, schien es eine Sonne zu geben. Die hinter mir
stand ziemlich hoch am Himmel, während die vor mir gerade
den Horizont überstrahlte. Lara bemerkte meine
Verwunderung.

„Das vor uns ist die goldene Stadt. Ihre Bewohner nennen
sie manchmal die Schwester der Sonne. Dort befindet sich
der Hohe Rat.“ Ich nahm diese Erklärung hin und sehnte mich
nach meiner Sonnenbrille. Die Spieglung ging mir nämlich
langsam auf den Nerv und die Kopfschmerzen wurden davon
auch nicht besser, doch mit der Zeit gewöhnte ich mich
daran. Ich vermied es, direkt nach vorn zu schauen und sah
in die Landschaft, an der wir gerade vorbeikamen.
Vereinzelt führten kleine Pfade vom Hauptweg weg und
endeten an den Türen winziger Häuser, deren Bewohner damit
beschäftigt waren, die Gärten zu pflegen, in der Sonne zu
sitzen oder sich zu unterhalten. Ebenso wie die Häuser,
waren auch die Bewohner sehr klein. Ich schätze, dass ein
Erwachsener von ihnen mir gerade bis an die Schulter
reichen würde.

Wenn wir an ihnen vorbeikamen, dann hielten sie inne,
wandten sich zu uns und verbeugten sich. Lara erwiderte
jeden dieser Grüße durch ein huldvolles Winken.

Nachdem wir ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt
hatten, gesellte sich ein kleiner Bach zu dem Weg. Sein
Plätschern verband sich mit dem Zwitschern der Vögel zu
einem lustigen Reiselied. Ich konnte es nicht vermeiden und
pfiff beinahe wie von selbst die Melodie mit. Lara lächelte
mich von der Seite an.

Schließlich fiel mir auf, dass der Glanz der Goldenen
Stadt verschwunden war. Aufmerksam betrachtete ich die
Landschaft. Die Hügel links und rechts von mir waren
unmerklich angestiegen und verdeckten alles dahinter, bis
wir uns am Grund einer Schlucht befanden, die der Bach –
jetzt ein reißender Fluss – in den Stein geschnitten
hatte. Plötzlich, hinter einer Biegung, traten die
Felswände zur Seite und gaben den Blick in ein riesiges
Tal frei.

Mein Blick wurde automatisch zu dessen Mittelpunkt
gezogen. Denn dort war die Goldene Stadt. Das, was ich
vorhin gesehen hatte, war nicht mehr als das Funkeln der
höchsten Turmspitzen, die über den Rand des riesigen
Talkessels hinausschauten. Der Fluss strömte direkt zu
dieser Stadt, wo er einen Wassergraben speiste, der sie
ganz umgab. Dieser Graben spiegelte den Glanz der Stadt
ebenfalls wieder und verstärkte ihn. Augenblicklich war ich
geblendet. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Lara mir eine
Brille reichte.

„Setz die auf. Jemand, der es nicht gewöhnt ist, bekommt
ziemlich schnell Kopfschmerzen von dem ganzen Funkeln.“ Was
sie nicht sagte. Die Gläser waren zwar fast schwarz, aber
im Vergleich zu der Helligkeit, die von der Stadt ausging,
reichten sie gerade so aus.

In alle vier Himmelsrichtungen spannten sich gewaltige
Brücken über das Wasser, die auf massiven Pfeilern ruhten.
Von jeder Brücke aus führte dann eine breite Straße gerade
bis zum Horizont. Wir reisten auf der Südstraße, der wir
bin ins Zentrum der Stadt folgten.

Zwar gab es viel Verkehr auf den Straßen, aber die
Einwohner waren freundlich und nicht die geringste
Reiberei zwischen den Wagen, den Fußgängern und den Reitern
störte unsere Reise.

Obwohl ich die unterschiedlichsten Wesen und Rassen auf
den Plätzen und Straßen sah, schien doch der Hauptteil der
Bevölkerung aus Menschen zu bestehen, so wie ich sie
kannte. Das heißt solche, die auch eine normale Größe
erreichten. Ansonsten war an denen nicht viel normal. Jeder
trug Kostüm und Maske. Wie es aussah, war Blau wohl die
Farbe der Saison. Zugegeben, vor dem Gold sah es ganz
hübsch aus.

Langsam näherten wir uns dem Punkt, an dem sich die vier
Straßen treffen mussten, dem Zentrum und landeten
schließlich auf einem großen, freien Platz. Mitten darauf
stand ein riesiges Schloss.

Und es war wirklich riesig. Wenn ich sage riesig, denn
meine ich das auch. Unser ganzes Haus hätte bequem durch
das Tor gepasst und so sehr ich mich auch anstrengte, ich
konnte die Spitze des obersten Turmes nicht sehen. Sie
verschwand irgendwo im Himmel. Wo konnte ich nicht
erkennen; bei dem ganzen Goldgefunkel hätte ich auch gleich
in die Sonne starren können und trotz Sonnenbrille mein
Augenlicht verloren.

„Beeindruckend, nicht wahr?“ sagte Lara. „Es sind schon
Menschen blind geworden, die es zu lange angeschaut haben.“
Wer hätte das gedacht!

„Danke für die Warnung. Das nächste Mal vielleicht fünf
Minuten eher.“

Als wir in das Schloss hineinritten, umschwärmten uns
augenblicklich Heerscharen von Dienern. Sie halfen uns beim
Absteigen, führten die Pferde weg, brachten uns etwas zu
trinken und fragten, ob wir noch irgendwelche Wünsche
hätten. Doch sie verstummten, als ein alter Mann den Hof
betrat. Sein weißer Bart reichte bis zur Brust und
gekleidet war er in etwas, was ich hier mal als blaues
Nachthemd bezeichnen möchte.

„Seid gegrüßt, Prinzessin Lara.“

„Ich grüße euch ebenfalls, Corak“, erwiderte sie und
verbeugte sich. Dann warf der Alte einen Blick auf mich.

„Ist er das?“ fragte er die Prinzessin.

„Ja.“ Darauf musterte er mich in der Art, wie meine Mami
im Laden eine Jacke für mich erst mal auf mikroskopische
Fehler untersucht, die einen Rabatt rechtfertigen würden.
Allerdings konnte ich an seinem Gesicht nicht ablesen, was
er von mir hielt.

„Sei willkommen auf Zamora“, sagte er schließlich. „Du
befindest dich in der Goldenen Stadt und ich bin Corak, der
Vorsitzende des Hohen Rates.“

„Hi, ich bin Felix und nach dem, was ich gehört habe, eure
letzte Hoffnung.“

„Das fürchte ich.“ Wenn man bedenkt, dass von seinem
Verhalten die Rettung Zamoras abhängen konnte, dann war das
wohl ziemlich frech. Aber bevor ich dazu etwas sagen
konnte, machte er eine Geste in Richtung Eingang. „Kommt
mit. Der Hohe Rat erwartet euch bereits.“

Ich folgte Lara und Corak durch die hohen Gänge des
Palastes. Obwohl wir kaum Treppen stiegen, hatte ich doch
das Gefühl, dass wir immer höher kamen. Als ich einen Blick
aus einem Fenster warf, sah ich die Dächer der Stadt unter
mir. Ich wunderte mich zwar darüber, konnte aber keinen
meiner beiden Führer deswegen fragen, die waren nämlich ins
Gespräch vertieft. Ich verstand kein Wort, aber es schien
um sehr wichtige Dinge zu gehen. Schließlich hielten wir
vor einer unscheinbaren Tür.

Ohne dass Corak ein Zeichen gegeben hätte oder jemand
unsere Ankunft bemerkt und gemeldet haben könnte, schwang
sie geräuschlos auf und wir traten ein.

Der Raum war kreisrund. In seiner Mitte stand ein ebenso
kreisrunder Tisch, an dem zehn Männer saßen, die mindestens
so alt wie Corak und genauso gekleidet waren. Zwei Stühle
waren noch frei, zu denen begaben sich nun Corak und Lara.
Ich musste stehen bleiben. So viel zur Gastfreundlichkeit.

Corak wollte keine Zeit verlieren. Er stand auf und sagte
mit lauter, ruhiger Stimme: „Der Hohe Rat ist nun
versammelt.“ Umwerfende Feststellung. „Ihr alle kennt die
Gefahr, die über uns schwebt. Wie beschlossen, besorgten
wir uns einen Helden aus der anderen Welt, da solche
Personen die einzigen sind, denen der Fluch des Schwarzen
Schlosses nichts anhaben kann.“ Hier merkte ich auf. Von
einem Fluch hatte bisher niemand etwas gesagt. Über diesen
Punkt würde ich noch Erkundigungen einziehen müssen. „Wir
schickten unseren treuen Troll Urglat in die andere Welt
und er brachte uns… Felix, einen Helden aus der anderen
Welt. Oder das, was dem am nächsten kommt.“ Damit zeigte er
auf mich. Alle drehten nun ihre Köpfe zu mir und starrten
mich an wie ein Sonderangebot.

„Ich weiß zwar nicht viel von ihm, aber ich hoffe, dass
sein Herz rein und mutig genug ist, um uns helfen zu
können. Und nun zu dir!“ Damit meinte er mich. „Wie
Prinzessin Lara mir sagte, weißt du noch nichts über deine
Mission.“ Ich nickte. Corak seufzte. „Es ist eine lange
Geschichte.“

„Macht nichts. Ich hab Zeit.“ Das wäre dann nämlich ein
guter Ersatz des Geschichtsunterrichts, der nach meiner Uhr
gerade in vollem Gange war.

„Wir aber nicht. Es gibt eine Kurzfassung. Das Problem
entstand kurz nachdem dieser Planet geschaffen wurde. Die
Mächte des Bösen kämpften gegen die Mächte des Guten – also
gegen uns – um die Vorherrschaft über den Planeten zu
gewinnen und es gelang keiner Seite, einen Vorteil zu
erringen. Stattdessen wurde das Land verwüstet und alle
Völker standen kurz vor der Ausrottung. Es sah schlecht
aus, als Galadrim auftauchte. Er kam aus dem Nichts und er
verschwand später auch wieder dorthin. Unter seiner Führung
drängten wir die dunklen Armeen zurück bis auf die südliche
Hälfte des Kontinents. Eines Nachts, es war eine besondere
Nacht, befahl Galadrim unseren Armeen den sofortigen
Rückzug. Er allein blieb zurück. Als die Schwärze der Nacht
am tiefsten war, bebte die Erde. Alle spürten es und keiner
blieb ohne Furcht. Am nächsten Morgen sahen wir, was
geschehen war: Morgul. Morgul trennt unseren Kontinent.
Morgul ist der unüberwindbare Wall, ein riesiges Gebirge
mit tiefen Schluchten und Gipfeln, die weit über den Himmel
reichen. Keinem Geschöpf ist es gelungen, Morgul zu
überqueren. Die Mächte des Bösen waren jenseits des Walls
gefangen. Wir konnten frei und glücklich auf unserer Seite
leben. Das war das Ende des letzten Krieges, den Zamora
gesehen hat. Ich glaube nicht mal, dass wir in der Lage
sind, überhaupt noch einen zu führen.

Nun denn, Galadrim kam am Morgen danach zum Hohen Rat und
übergab ihm Elendir, den Weltenstein, mit folgenden
Worten: ‚Bewahrt ihn gut, denn er enthält die Macht über
Morgul. Er erhält ihn oder er zerstört ihn, wenn die Zeit
gekommen ist.‘ Wir bewahrten Elendir seitdem ihm Weißen
Schloss auf und glaubten uns in Sicherheit.“ Hier machte
Corak eine Pause. Die Geschichte nahm ihn sichtlich mit.

„Und weiter?“ fragte ich, als die Pause zu lang wurde.

„Elendir ist weg. Verschwunden. Nicht mehr da. Nur
Prinzessin Lara und ich hatten Zutritt zu dem Raum, in dem
er aufbewahrt wurde. Gemäß der Tradition sehen der
Vorsitzende des Hohen Rats und der Thronfolger ein Mal im
Monat nach, ob er noch da ist. Vor einer Woche
kontrollierten wir den Raum und Elendir war weg.“

„Hat ihn die Putzfrau weggeworfen?“ fragte ich. „Wenn bei
uns in der Schule was wegkommt, dann war es meistens Frau
Wiegelhuber, die Putzfrau. Sie ist irgendwie krankhaft
putzsüchtig. Und sie schmeißt alles weg, was nicht
angenagelt ist.“ Aber Corak bedachte mich nur mit einem
ärgerlichen Blick.

„Natürlich nicht! Der Raum wird durch Magie rein gehalten!
Diebstahl ist die einzige Erklärung. Unsere Feinde müssen
den Wall überwunden und den Stein gestohlen haben.
Wahrscheinlich liegt Elendir jetzt im Schwarzen Schloss und
wartet auf seine Zeit, um Morgul zu zerstören.“ Corak
knabberte aufgeregt an seinen Fingernägeln. „Was dann
passiert, wage ich mir nicht auszumalen. Die Horden des
Bösen werden unsere friedlichen Völker überrennen und
ausrotten. Deshalb brauchen wir deine Hilfe. Du musst
Elendir aus dem Schwarzen Schloss holen und zurückbringen.
Du musst!“

„Naja“, sagte ich, „es gibt da noch einige Kleinigkeiten,
die ich vorher wissen müsste. Zum Beispiel hast du vorhin
den Fluch des Schwarzen Schlosses erwähnt. Es würde mich
doch schon stark interessieren, in was ich da reinlaufe.“
Corak runzelte die Stirn.

„Der Fluch kann dir nichts anhaben. Keiner unseres Volkes
kann es betreten, uns hält der Fluch auf. Aber du kommst
von außerhalb. Bei dir wirkt die Magie nicht.“

„Dazu muss ich nur den unüberwindbaren Wall überwinden.“

„Ja“, bestätigte Corak.

„Unüberwindbar. Fällt da was auf?“

„Wenn es einer von der Gegenseite geschafft hat, muss es
einen Weg geben. Es gehört zu deiner Aufgabe diesen Weg zu
finden.“

„Müsste ich sonst noch was wissen?“

„Etwas Eile wäre angebracht.“

„Warum?“

„Die bestimmte Zeit, zu der Elendir seine Macht entfaltet.
Wie ich vorhin sagte, wurde Morgul in einer besonderen
Nacht erschaffen. Damals standen alle Planeten unseres
Sonnensystems in einer Reihe und verstärkten die
kosmischen Kräfte. Diese Stellung kommt alle
dreitausendachthunderteinundneunzig Jahre einmal vor.“

„Wie das klingt, habt ihr eine andere Auffassung von Eile
als ich.“

„Das nächste Mal gibt es diese Stellung in einundzwanzig
Tagen. Wirst du uns zu retten?“

„Eigentlich würde ich ja schon“, sagte ich, „aber es gibt
da ein Problem. Wenn ich nicht pünktlich zum Abendessen zu
Hause bin, krieg ich Zoff mit meinen Eltern.“

„Wir können nach deiner Rückkehr ein Dimensionstor öffnen,
das dich rechtzeitig in deine Welt zurückbringt.“ Im
Prinzip kam mir die Abwechslung ja gelegen – das tägliche
Hin und Her zwischen Schule und Heim war nach sechs Jahren
etwas langweilig geworden. Außerdem lernen wir ja für das
Leben und ich dachte, dass eine praktische Anwendung meiner
Kenntnisse ganz in ihrem Sinne ist. Trotzdem wollte ich
meine Begeisterung nicht so offen zeigen und kratzte mich
hinter dem Ohr.

„Okay, ich kann’s ja mal versuchen.“, murmelte ich
schließlich. Und alle atmeten erleichtert auf. Außer mir.
Denn laut Uhrzeit war so eben die letzte Unterrichtsstunde
verstrichen. Ich bedauere dieses Versäumnis immer noch
zutiefst.

Damit könnte ich eigentlich meinen Bericht hier beenden,
aber sicher interessiert sie auch der Rest der
Geschehnisse. Wenn sie alles gelesen haben, können sie mit
Recht stolz auf ihre pädagogischen Leistungen sein, die ich
hier praktisch angewendet habe.

Corak legte mir die Hand auf die Schulter.

„Du sollst nicht allein gehen. Bis zum Schwarzen Schloss
werden dich unsere besten Krieger begleiten.“ Er zeigte auf
eine Tür, die ich noch nicht bemerkt hatte. Ich bin auch
ziemlich sicher, dass sie bis zu diesem Moment nicht da
war.

„Tretet ein!“

Der Erste, der durch die Tür trat, war ein mir sehr
bekannter Troll.

„Urglat“, stellte Corak ihn vor. „Er ist der beste Kämpfer
aus der Sippe der weißen Trolle.“ Dazu sollte man wissen,
dass es am ganzen Körper von Urglat kein einziges weißes
Haar gab, vielmehr war jedes kohlrabenschwarz. Ich runzelte
die Stirn, doch Lara erklärte die Sache.

„Es gibt zwei Trollvölker. Die Weißen, zu denen Urglat
gehört. Sie haben schwarzes Fell, aber sie kämpften in den
alten Kriegen auf der Seite des Weißen Schlosses. Daher der
Name. Es gibt noch ein anderes Volk, jenseits von Morgul.
Die haben weißes Fell, aber ihre Herzen sind schwarz. Vor
denen solltest du dich in Acht nehmen.“ Inzwischen war
Urglat bis zu mir gekommen. Er reichte mir freundlich die
Hand und sagte:

„Ich hoffe, wir werden uns gut verstehen. Ich wollte dich
bei unserer ersten Begegnung wirklich nicht erschrecken.“

„Schon gut“, erwiderte ich und gab ihm die Hand. „Ich hatte
nur mit deinem Englisch Probleme.“ Dabei versuchte ich zu
lächeln. Urglat hatte zwar im Moment keine Keule dabei,
aber mit zwei Metern Größe und hundertfünfzig Kilo
Lebendgewicht bei null Prozent Fettanteil hätte mir bereits
bloßes Anhauchen ernsthaft schaden können.

„Corak hat mir diese Worte aufgeschrieben. Er sagte, das
ihr in eurer Welt vielleicht nicht unsere Sprache sprechen
könnt.“ Das mit der Sprache fiel mir erst jetzt auf: Obwohl
Zamoranisch mit nichts vergleichbar war, was ich in der
Schule jemals gelernt hatte, konnte ich es ohne
Schwierigkeiten verstehen und sprechen. Ich wünschte, dass
ginge mir mit Englisch genauso.

Als nächstes trat ein achtzig Zentimeter hohes,
goblinhaftes Wesen durch die Tür. Ich kann ihn wirklich
nicht näher beschreiben, nur das er unheimlich alt aussah
und eben wie ein Goblin. Vom Kopf her jedenfalls. Denn der
Rest des Körpers verdeckte eine blaue Robe. Außer den
langfingrigen Händen, die aus zwei überdimensionierten
Ärmeln hervorlugten, war nichts zu sehen. Ich war nicht
sicher, ob er lief oder über den Boden schwebte, denn nicht
die kleinste Bewegung war zu sehen.

„Elrun, der Weise“, machte Corak uns bekannt. „Er hat die
Gabe der Voraussicht und er kennt alle Rätsel und
Geheimnisse diesseits von Morgul. Wenn du auf seinen Rat
hörst, wirst du sehr schnell vorankommen.“

„Hi“, sagte ich und streckte Elrun die Hand entgegen. Der
registrierte sie nicht einmal. Als ich näher hinsah,
entdeckte ich, dass er die Augen geschlossen hatte und
hörte, wie er leise vor sich hinsummte. „Oh Mann“, murmelte
ich, „Meister Yoda auf Dope.“ Elrun schien meine Worte
nicht gehört oder nicht beachtet zu haben; ohne eine Miene
zu verziehen entfernte er sich wieder. Jetzt war ich mir
sicher, dass er schwebte. Auf Wolke neun oder höher.

„Der letzte im Bunde“, rief Corak jetzt in Richtung Tür.
Dort erschien ein junger Mann. Jung wie in Er hat noch
alle Haare und alle Zähne
. „Dargol, der Drachentöter“,
nannte Corak dessen Namen. „Er stammt aus einer Familie
äußerst erfolgreicher Drachenbekämpfer.“ Mit drei langen
Schritten durchquerte Dargol den Raum, bis er vor uns stand
und mir die Hand reichte.

„Hallo Dargol“, presste ich hervor. Ich musste wirklich
pressen, denn es ist gar nicht so einfach zu sprechen und
gleichzeitig einen Lachkrampf zu unterdrücken. Denn Dargol
hatte zwar eine gewaltige Größe, zwei Meter zehn schätze
ich, aber dabei war er kaum dicker als ein Besenstiel
(naja, etwas dicker schon, aber nicht viel).

„Sei gegrüßt Felix“, antwortete er. „Und sei versichert,
mit mir an deiner Seite brauchst du keinen Drachen zu
fürchten.“

„Super“, schoss es aus mir heraus, „wie viele Drachen hast
du den schon erledigt?“ Sofort legte sich ein peinliches
Schweigen über den Raum. Dargol sah beleidigt aus und Corak
räusperte sich verlegen.

„Nun“, begann Corak zu erklären, „es mangelt uns an
Drachen. Sie sind jenseits von Morgul gefangen. Aber Dargol
ist am besten für Drachenkämpfe trainiert. Er wird seine
Sache gut machen.“

„Okay“, sagte ich zu Dargol, der immer noch ein Gesicht
wie ein saurer Apfel machte. „War nicht so gemeint. Ich
vertraue dir.“

„Ich nehme die Entschuldigung an“, antwortete Dargol,
obwohl seine Stimme klang, als ob es noch sehr viel
Schleimerei nötig wäre, um ihn vollständig zu besänftigen.

„Damit wäre deine Gruppe komplett“, bemerkte Corak.

„Ich werde Felix auch begleiten.“ unterbrach ihn Lara. Ein
ungläubiges Stöhnen ging durch den Saal. Nur ich war nicht
ganz so überrascht. Ich weiß, dass ich eine
unwiderstehliche Wirkung auf Frauen habe.

„Das ist unmöglich!“ sagte Corak. „Als Herrscherin unseres
Volkes ist ihr Platz im Weißen Schloss und nicht im
Schwarzen Land.“

„Die Aufgabe eines Herrschers ist es, für sein Volk zu
sorgen und nicht, sich in seinem Schloss zu verstecken.
Außerdem enthält die Bibliothek des Weißen Schlosses die
genauesten Informationen über das Schwarze Land und ich
habe alle Bücher gelesen. Unschätzbares Wissen, sobald wir
Morgul überwunden haben.“

Corak strich sich durch den Bart und wollte gerade etwas
sagen, als sich einige der älteren Herren aus der Runde
einmischten.

„Sie hat Recht, Corak. Lass sie mit ihnen ziehen, so wie
die alten Könige an der Spitze ihrer Armeen in den Krieg
gezogen sind. Es ist zum Teil auch ihre Bestimmung.
Außerdem müssen wir irgendwie die Frauenquote in der
Geschichte erfüllen.“ Einige Augenblicke sah Corak erst den
Hohen Rat, dann die Prinzessin ernst und sorgenvoll an.

„Dann geh mit ihnen, Prinzessin. Und gib gut auf sie und
dich acht“, sagte er schließlich. Darauf umarmte Lara
Corak.

„Das werde ich tun, Vater“, flüsterte sie ihm ins Ohr. Und
Corak wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Auge.

Die nächsten Stunden wurde Proviant gepackt und die Reise
vorbereitet. Corak zeigte mir Landkarten, auf denen jede
Einzelheit des Weißen Landes verzeichnet war. Das Weiße
Schloss und die Goldene Stadt lagen im Norden, weit weg von
Morgul. Als sie erbaut wurden, bedeutete das Sicherheit vor
dem Feind, der im Süden lauerte. Viel konnte Corak sonst
nicht sagen, schließlich war seit Jahrhunderten keine
Expedition mehr in diese Richtung unternommen worden und
das Meiste über das Schwarze Reich war in Vergessenheit
geraten.

Der Rat hatte beschlossen, dass wir am nächsten Morgen
aufbrechen sollten. Den so noch verbleibenden Abend wollte
man mit einem Abschiedsfest vor allem mir zu Ehren
ausfüllen.

Zu dem Fest wurde ich aufs Feinste ausstaffiert,
allerdings entsprach das Feinste nicht gerade meinem
erlesenen Modegeschmack. Man steckte mich in Kleider, die
man für einen Prinzen angemessen hielt, denn so viel Ehre
wollte man dem zukünftigen Retter des Weißen Landes schon
zukommen lassen. Ich wehrte mich zwar verzweifelt gegen die
Strumpfhosen, die mir (als Hosenersatz) zugedacht wurden
und gegen die Schuhe mit kleinen Glöckchen vorn an den
Spitzen, aber ich hatte keine Chance gegen die Massen von
Dienern, die mich schließlich überwältigten. Über die
Zipfelmütze (ebenfalls mit Glöckchen) diskutierte ich mit
den Zofen eine halbe Stunde lang, dann gab der Klügere nach
und ich setzte das Ding auf. Beim abschließenden Blick in
den Spiegel stellte ich dann eine höhere Ähnlichkeit mit
einem Hofnarren als mit einem Prinzen fest.

Deshalb betrat ich den Festsaal mit gesenktem Kopf und
vermutete gar nicht, dass der Applaus und das staunende
Schweigen mir zugedacht waren. Lara kam zu mir.

„Du siehst großartig aus“, flüsterte sie. Misstrauisch
blinzelte ich sie an, aber es war keine Spur von Spott in
ihrem Gesicht zu finden. Wahrscheinlich meinte sie das
ernst.

„Ich sehe aus wie ein Hofnarr!“ flüsterte ich zurück.

„Unsinn!“ antwortete Lara. „Was du trägst, ist die Kleidung
eines Prinzen. Gibt es so was bei euch nicht?“

„Das gab es schon, nur ist es bereits seit einigen
Jahrhunderten aus der Mode.“ Lara nahm nun meinen Arm und
führte mich zum Ehrenplatz.

„Denk einfach nicht dran, wie du aussiehst, sondern was du
bist. Niemandem würde es hier einfallen, unseren einzigen
Helden auszulachen.“

Das Fest begann mit einer Ansprache Coraks, in der er mich
dem anwesenden Volk vorstellte. Nach dem, was er so sagte,
bin ich eine Mischung aus Herkules und Albert Einstein.
(Ich würde dem Lehrkörper raten, dass in der nächsten
Beurteilung zu erwähnen.) Nachdem er eine Weile geredet
hatte und kurz bevor der Erste einschlief, eröffnete er den
gemütlichen Teil des Abends, der Buffet genannt wurde. Ich
glaube kaum, dass sich irgendjemand diese Speisetafel
vorstellen kann, deshalb überspringe ich die Beschreibung,
aber ich kann sagen: Schlaraffenland? Gebratene Tauben?
Billigfutter!

Gerade, als ich den letzten Bissen in mich stopfte,
leitete Corak mit einem Händeklatschen den nächsten Teil
des Festes ein.

Ein Vorhang wurde auf der oberen Galerie des Saales zur
Seite gezogen. Dahinter hatte ein Orchester Platz genommen.
Dann drehten sich alle im Saal zu mir um und sahen mich
erwartungsvoll an. Und ich guckte erwartungsvoll zurück.

„Der Eröffnungstanz!“ flüsterte Lara.

„Na und?“ flüsterte ich zurück.

„Das Fest ist zu deinen Ehren. Also musst du den ersten
Tanz tanzen.“

„Bist du verrückt? Ich kann überhaupt nicht tanzen. Und
mit wem soll ich den tanzen?“ Lara sah mich prüfend an und
zog mich in die Mitte des Saales.

„Ich kann doch überhaupt nicht tanzen!“ zischte ich ihr
immer wieder zu. Ich rammte meine Fersen ins Parkett, aber
vergeblich.

„Du kannst hier alles, was du willst. Du musst nur ganz
fest daran glauben“, sagte Lara. „Wenn du daran glaubst,
kannst du Städte erschaffen und vernichten. Wobei du mit
dem vernichten vorsichtig sein solltest.“ Zufällig warf ich
einen Blick auf Corak. Der grinste wissend. Ich beschloss,
dass er das eines Tages bereuen würde. „Pass auf“, redete
Lara weiter. „Du legst eine Hand auf meine Schulter und die
andere gibst du mir. Ich führe.“ Das ist alles, was ich
über tanzen weiß und jemals wissen werde. Und es reichte
aus. Auf ein Zeichen fing das Orchester an zu spielen. Es
war etwas Langsames. Zum Glück.

Ich konnte zwar Laras Füße nicht sehen, aber wenigstens
waren sie nicht da, wo ich hintreten wollte. Nach zwei
Minuten war ich zum ganz passablen Tänzer herangereift. Ich
schwebte mit Lara über das Parkett, während sich immer mehr
Paare uns anschlossen.

„Wenn du willst, können wir jetzt aufhören. Der Pflichttanz
ist vorbei“, sagte Lara nach einer Weile. Ich hatte zwar
inzwischen Spaß an der Sache gefunden, wollte es aber nicht
gleich übertreiben.

„Wir können ja nachher noch mal.“ Während wir zu unseren
Plätzen zurückgingen, begann ich mich zu fragen, was Lara
mit den Städten erschaffen oder vernichten gemeint hatte.
Als wir saßen, fragte ich danach. Sie überlegte einen
Moment.

„Es ist im Prinzip ganz einfach“, erklärte sie. „Diese
Dimension erscheint euch ab und zu in euren Träumen. Ihr
seht dann einen Teil unserer Welt. Gleichzeitig träumt ihr
aber eure eigenen Gedanken mit hinein. Und diese werden
hier Realität. Deshalb bist du im Augenblick die mächtigste
Person auf Zamora, auch wenn du in deiner eigenen Welt nur
ein kleiner Junge bist. Denn in deiner Fantasie liegt die
Macht, alles zu erschaffen, zu verändern oder zu
zerstören. Aber du musst daran glauben. Mit all deiner
Kraft.“ Ich sah sie etwas ungläubig an. Schließlich
widersprach ihre Erklärung jeder Logik, von der ich (vor
allem im Unterricht) je etwas gehört hatte. Ich runzelte
die Stirn.

„Lara, es gibt ein Sprichwort bei uns. Träume sind
Schäume. Sie sind unwirklich. Ich glaube auch nicht, dass
ich nur durch Gedanken was erschaffen kann. Dazu brauche
ich schon meine Hände. Wie können meine Gedanken denn was
erschaffen?“

„Du wirst es lernen. Du wirst es begreifen und du wirst es
schaffen, wenn es darauf ankommt. Das weiß ich.“

In dem Augenblick kam Corak.

„Ihr müsst morgen sehr früh aufbrechen. Es ist besser, wenn
ihr jetzt schlafen geht.“ Ich fühlte mich zwar noch nicht
müde, folgte aber seinem Rat. Ich wollte mein Heldenimage,
nicht durch dumme Quengeleien ruinieren. Corak brachte mich
persönlich zu einem luxuriös ausgestatteten Gemach und
verabschiedete mich an der Tür. Ich wusch mich und schlief
ein, sobald ich mich hingelegt hatte.

Ich weiß nicht genau, was auf Zamora üblicherweise als
früh gilt, aber mit meiner Auffassung stimmt es auf keinen
Fall überein. Ich hatte mit Frühstück gegen neun Uhr
gerechnet, doch die Sonne war noch nicht einmal aufgegangen
und ich konnte sogar noch Sterne am Himmel sehen, als mich
ein Diener wachrüttelte. Er hielt meine Klamotten in der
Hand. Sein Glück, dachte ich. In dem Fummel von gestern
Abend hätte ich keinen Schritt aus dem Zimmer gemacht. Ich
zog mich so schnell an, wie ich das als Halbzombie konnte,
und folgte dann dem Bediensteten zum Speisesaal.

An einem kleinen Tisch saß der Rest meines Trupps schon
beim Essen.

„Entschuldige, dass wir schon angefangen haben. Du
brauchtest etwas länger als wir dachten.“

„Morgen“ knatterte ich. Mehr konnte ich um diese Uhrzeit
nicht rausbringen. Jemand goss mir ein Glas Milch ein und
setzte mir eine Schüssel Cornflakes vor. Ich kaute langsam
und nicht sonderlich begeistert. Besorgt sahen mich alle
an.

„Bist du krank?“ fragte Lara schließlich.

„Nein“, seufzte ich. „Das gibt sich, sobald ich richtig
aufgewacht bin.“ Doch schon lange vorher wurde das
Frühstück als beendet erklärt und wir gingen zu unseren
Pferden.

Ein paar Minuten später trabten wir aus dem Schloss in die
leeren Straßen der Stadt. Das laut durch die Häuserschlucht
schallende Klappern der Pferdehufe und das unsanfte Auf und
Ab weckten mich jetzt ganz auf. Ich sog ein paar Mal kühle
Morgenluft ein und sah mich genau um. Denn es bestand die
Möglichkeit, dass ich nicht zurückkehrte.

„Kennst du die Richtung?“ fragte ich Lara, die neben mir
ritt.

„Ja. Keine Sorge, jeder von uns kennt sich im Weißen Land
so gut aus, dass er selbst mit geschlossenen Augen sein
Ziel findet. Corak hat dir einige Karten mitgegeben.“ Sie
zeigte auf eine runde, längliche Lederhülle, die vorn an
meinem Sattel hing. Ich warf einen Blick auf die anderen.
Jeder war umfangreich für die Reise ausgerüstet. Dargol und
Urglat hatten außerdem Waffen dabei: Urglat seine Keule;
Dargol ein ganzes Arsenal von Drachenbekämpfungsmitteln,
vom Schwert bis zur Pike. So etwas vermisste ich bei meiner
Ausrüstung.

„Hat Corak mir etwas zur Verteidigung mitgegeben?“

Lara sah mich erstaunt an.

„Wozu? Du sollst Elendir zurückholen und niemanden
umbringen.“ So etwas kann mich aufregen. Ich gab Lara ein
Beispiel.

„Nehmen wir an, ich stehe in Reichweite von Elendir, und
eine fünfundzwanzigköpfige Schutztruppe aus übelsten
Nachtgestalten springt aus dem Nichts auf mich zu, um den
Stein mit ihrem Leben zu verteidigen und meins dabei
auszulöschen. Glaubst du, ich schaffe es, sie
totzukitzeln?“ Lara dachte kurz nach, ließ sich zu Elrun
zurückfallen und redete eine Weile mit ihm. Dann kam sie
wieder zu mir.

„Elrun kennt eine Waffe die angemessen für dich ist. Das
leuchtende Schwert des Tempels von Moria. Wir werden dort
vorbeikommen, sobald wir aus den Wäldern von Ceiron zurück
sind.“

 

Ende der Leseprobe


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