Drachen Fliegen – Ein fast realistisches Märchen (Leseprobe)


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Für alle, die es nicht lassen können und das Ende zuerst lesen – es steht gleich hier:

ENDE

Lange vor dem Anfang…

Knackende Äste kündigten einen Besucher an. Gelegentliche Flüche deuteten darauf hin, dass der Mann nicht ganz so problemlos vorankam, wie er es gehofft hatte. Besonders niedrige Äste hatten ihm in den letzten Tagen oft Kopfschmerzen bereitet. Er war sichtlich froh darüber, endlich aus dem dichten Unterholz herauszukommen, als er die Lichtung betrat.
In den Forschungsberichten seiner Kollegen hatte er immer nur von großartigen Entdeckungen gelesen, aber nie davon, wieviel Natur einem dabei in die Quere kam. Und was einem Nachts in die Hosenbeine krabbelt.
Leider gehörte nichts davon zu einer neuen Spezies, die er nach Möglichkeit entdecken wollte. Diese Lichtung schien ebenfalls nichts außergewöhnliches zu bieten. Er sah sich um. Am gegenüberliegenden Ende des Platzes war eine Höhle. Der Mann nahm seine Brille ab, putzte sie, setzte sie wieder auf und sah nocheinmal hin. Es nützte nichts. Etwas schaute zurück.

Nachdem sich der Forscher von seinem Schreck erholt hatte, trat er näher heran, um seine Entdeckung zu begutachten.
„Das gibt es nicht!“ murmelte er fassungslos.
„Was?“ fragte das Wesen zurück.
„Deine Spezies ist schon längst ausgestorben!“ Das Wesen dachte kurz nach.
„Da bin ich anderer Meinung“, sagte es schließlich.

Der Wissenschaftler verbrachte den Nachmittag damit, seine Entdeckung zu vermessen, kategorisieren und einen klangvollen Namen dafür zu finden. Schließlich kritzelte er etwas auf eine Pappscheibe und gab sie dem Wesen.
„Falls jemand kommt, zeig ihm das hier. Da steht, dass ich dich entdeckt habe.“
„Und das ich der letzte meiner Art bin.“
„Ja, genau. Lass dich nicht umbringen. Das wäre ein enormer Verlust für die Wissenschaft!“
„Und für mich.“

Leider gelang es dem Mann nicht, wieder in die Zivilisation zurückzukehren und seine Entdeckung der Menschheit mitzuteilen. Akademiker haben in freier Wildbahn nur sehr geringe Überlebenschancen – dieser starb an einer Tetanusinfektion, nachdem er sich an den Überresten einer in der Nähe der Lichtung liegenden, halb verrosteten Ritterrüstung verletzt hatte.

Was wieder einmal die Wichtigkeit von Vorsorgeimpfungen beweist.

Alles klar?

Dann kann’s ja losgehen.

Es war kein besonderes Lied. Ein ganz normales Lied, so wie es jeder Mann singt, der am Ende einer durchzechten Nacht die Kneipe verlässt, bevor ihn der Gedanke an die wartende Ehefrau einholt. Es handelte von den Freuden des Lebens, der Liebe und besonders deren biologischer Details. Etwas eben, was man in jeder gemütlichen Kneipe erwarten würde. Nicht aber im Schlafzimmer einer minderjährigen Prinzessin.

Für den Schwipps war Mariams Vater selbst verantwortlich. Er hatte ihr den Rotwein eingeflößt, um sie für den Festempfang lockerer zu machen. Beziehungsweise für den Prinzen Ferris, dem dieser Aufmarsch der Führungselite des Königreiches überhaupt galt. Gregor konnte ja nicht ahnen, wie locker seine Tochter werden würde. Und das sie über so umfangreiche Biologiekenntnisse verfügte. Gregors zweite Sorge galt der Frage, ob seine Tochter nur noch des Protokolls wegen mit Jungfrau Mariam angesprochen wurde.

Während seine Tochter nach ihrer Verbannung aufs Zimmer allen Ärger des Tages vergessen hatte, blieb Gregor nichts anderes übrig, als die Form zu wahren. Im Augenblick schaute er dem Grund seiner Sorgen in die Augen: Ferris, zukünftiger Thronfolger des Nachbarreiches Kafiristan. Der junge Prinz spielte eine große Rolle in Gregors Zukunftsvisionen: Sein Land grenzte im Osten an Gregors Reich und behinderte jede weitere Expansion. Dieses Problem schien eine einfache Lösung zu haben, nachdem Martin, der amtierende Nachbarkönig, Vater eines Sohnes und Gregor der einer Tochter wurde. Die Nabelschnüre waren noch nicht ganz durchtrennt, als die Hochzeit schon beschlossene Sache war.

Normalerweise ist die Sache mit Männern und Frauen ganz einfach: sie treffen sich und nach einer Weile heiraten die meisten. Bei Prinzen und Prinzessinnen ist es nicht ganz so einfach. Da muss die Hochzeit erst beraten, ausgehandelt und dann den zukünftigen Ehepartnern befohlen werden. Damit hat man die Landgröße verdoppelt und die Zahl der Opfer auf zwei begrenzt – kein Krieg zerstört weniger Menschenleben.

Leider gab es da ein winziges Problem:
Mariam war siebzehn, bildhübsch, Thronerbin und äußerst halsstarrig. Als ihr Gregor sie vor einiger Zeit in die Kunst der Politik einführen wollte – besonders in die der Heiratspolitik – hatte sie ziemlich deutlich anklingen lassen, dass sie vor einer Ehe noch ein paar andere Kleinigkeiten geplant hatte: Studium, Karriere, Beruf und zwei oder drei Nobelpreise zum Beispiel.

Nur kurz später wurde das Problem konkret: Martin hatte beschlossen, seinen Sohn ebenfalls in die hohe Politik einzuführen. Ferris beugte sich dem Willen seines Vaters mit der Begeisterung eines Menschen, dem im Weigerungsfalle der Entzug jeglicher finanzieller Basis und eine Karriere beim Militär in Aussicht gestellt wurde. Daher absolvierte der Prinz eine Besuchsrunde durch die angrenzenden Länder, um sich den zukünftigen Kollegen vorzustellen. Langsam wurde Gregor bewusst, dass er seine Tochter ihrer Rolle im großen Theaterspiel des Lebens zuführen musste. Sie hielt nichts vom Theater.

Gregor versuchte es mit Psychologie. Am Mittagstisch begann er, von süßen kleinen Enkelkindern zu schwärmen. Mariam hatte mit einer sozialpolitischen Studie gekontert, nach der die Kinder von älteren Müttern im Leben besser abschneiden sollten, als die von zu jung in die Ehe gepressten Prinzessinnen.

Beim nächsten Mal zog er das Bild des Prinzen hervor und fragte, ob das ihr Typ sei. Sie erwiderte nach einem sehr kurzen Blick, dass dieses Bübchen sie überhaupt nicht interessiere. Und das der schon aussah wie ein Luftikus. Aufgeblasen und nichts dahinter. So einen Schwiegersohn sollte sich kein vernünftiger Vater wünschen. Gregor stöhnte.
Schließlich setzte sie sich auf seinen Schoß und sah ihn mit ihren Unschuldsaugen an.
„Papa“, erklärte sie, „du bist so ein kluger und weiser König. Kluge und weise Menschen wissen, dass man gewisse Dinge lieber Frauen überlässt. Schwiegersöhne zum Beispiel. Wir wollen doch beide keinen Ärger mit meinem Zukünftigen, oder?“ Bevor der König seine Gründe darlegen konnte, gab ihm Mariam einen Kuss auf die Wange, sagte: „Ich hab noch was vor!“ und war verschwunden. Trotzdem wollte er sie heute beim Bankett vorstellen. Dabei hatte Gregor gehofft, dass ein klein wenig Alkohol sie etwas weniger widerspenstig machen würde und ihr das Glas selbst in die Hand gedrückt. In Ordnung, er hatte sie bisher vor Männern, Alkohol, Nikotin und anderen schädlichen Einflüssen bewahrt. Naja, dachte er bei sich, konnte ja keiner ahnen, dass sie sich an meine Verbote halten würde.

Gregor hatte schon immer gewusst, dass er seine Tochter irgendwann einmal vorteilhaft verheiraten musste, und er hatte in seiner Erziehungstaktik schon früh darauf hingewirkt, dass sie dem widerspruchslos zustimmen würde. Scheinbar hatte er versagt.

Die Prinzessin zeichnete sich durch einen besonders ausgeprägten Dickkopf aus, ein Erbe ihrer längst verstorbenen Mutter. Mariam war auch sonst deren genaues Abbild; als Gregor zum ersten Mal seine Frau traf, sah diese aus wie Mariam: smaragdgrüne Augen, langes, rotes Haar, elfenbeinweiße Haut, von schlankem Wuchs mit entsprechender Polsterung oben und unten. Eine Bilderbuchprinzessin eben. Mit der Kompromissbereitschaft eines Maulesels – und einem unüberhörbaren Gesangstalent. Sogar hier unten, im Festlärm, konnte Gregor sie hören. Inständig hoffte er, dass seine Gäste die alkoholvernebelten Arien nicht hörten. Denn die hätten sich bestimmt gefragt, wo hier eine Sauforgie stieg. Und was der schnellste Weg dorthin wäre.

Dem Wesen war langweilig. Vor allem war das auf seine andauernde Einsamkeit zurückzuführen. Der Mann mit der Brille hatte auf das Pappschild geschrieben, dass es der letzte seiner Art wäre. Einige Zeit hatte das Wesen darüber nachgedacht und festgestellt, dass es tatsächlich seit längerem kaum einen Artgenossen getroffen hatte. Wobei seit längerem ein paar Jahrhunderte bedeuten konnte.
Es wäre wohl wieder mal an der Zeit, etwas zu unternehmen. Unter die Leute gehen, oder so was. Obwohl es bei den letzten paar Gelegenheiten ziemlich heftig zuging.
Das Wesen lauschte. Da war etwas in der Luft. Weit weg – aber sehr interessant. Es beschloss, dem nachzugehen.
Das Gras – und einige Bäume – wurden flachgedrückt, als es sich in die Lüfte erhob.

Nur Augenblicke später fühlte sich Mariam beobachtet. Wer im Mittelalter in einer Burg wohnt, entwickelt einen speziellen Sinn für solche Gelegenheiten: das war nötig, um nicht den zahlreichen Räubern, Raubrittern und sonstigen Feinden in die Hände zu fallen. Die Prinzessin verstummte und sah sich im ganzen Zimmer um. Nichts hatte sich verändert. Kurzerhand schob sie die Eingebung auf die Wirkung des Rotweins. Sie nahm noch einen Schluck aus der Flasche, die sie mit in ihr Turmzimmer geschmuggelt hatte. Eigentlich sollte sie sich danach besser fühlen, aber das Gefühl, als ob da noch jemand war, blieb hartnäckig, nistete sich am Ende des Rückgrats ein und krabbelte von dort aus langsam höher, bis es an eine mentale Tür klopfte und die Panik aufwecken wollte. Mariam tat das, was alle Menschen in ihrer Situation tun: sie stieg ins Bett, zog sich die Decke über den Kopf und schwor sich: NIE WIEDER ALKOHOL!
Es schien zu helfen. Für einen Moment. Mariam hatte sich gerade beruhigt, als sie vom Fenster her ein Geräusch hörte. Sie schnellte herum und erstarrte: ein Drachenkopf? Sie stellte die Flasche vorsichtig auf den Boden und sah weiter auf das Fenster. Die Halluzination blieb. Sie schob die Flasche weiter weg.

Zweifellos ein sehr schönes Exemplar. Mariam erinnerte sich, in einem Märchenbuch genau so einen Drachen gesehen zu haben. Nicht, dass sie mehr als den Kopf sehen konnte, denn eine Halskrause verhinderte, dass das Tier mehr durch das Fenster bekam. Obwohl Mariam zweifelte, dass Sinnestäuschungen von so etwas aufhalten lassen.

„Guten Abend!“ grüßte das Wesen mit tiefer Stimme und lächelte. Instinktive Furchtrezeptoren sprangen automatisch an und erzeugten bei Mariam folgende Überlegung: der Atem eines Trugbildes sollte einen nicht aus den Pantoffeln werfen, dieser hier aber tat es. Mit anderen Worten: das war keine Einbildung, das war ein Drache.

Schlagartig wurde Mariam nüchtern. Die Anwesenheit eines Drachen ist ein äußerst wirksames Mittel gegen Trunkenheit. Es wird nur noch von der unverhofften Ankunft der Ehefrau in gewissen Situationen übertroffen.

Der Drache lächelte. Es hat zahnmedizinische Gründe, das diese Geste so oft missverstanden wird. Die Panik krempelte die Ärmel hoch, spuckte in die Hände und wollte sich an die Arbeit machen. Neugier trat von hinten vor und kündete eigene Interessen an. Ein kurzer Zweikampf (mit einigen sehr unfairen Griffen von Seiten der Neugier) entschied die Sache und verhinderte, das Mariam schreiend in Richtung Tür lief. Es wohl würde niemand – oder nur eine sehr morbide Person – seinem zukünftigen Appetithappen einen guten Abend wünschen.

Ende der Leseprobe


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