Der Erinnerungsdieb

Es erwischt früher oder später jeden einmal; bei mir war es letzten Donnerstag der Fall.

Ich kam von einem kurzen Wanderausflug zurück und wunderte mich über die Glasscherben auf dem Fahrersitz. Die gehörten zur hinteren Seitenscheibe, die genauso Vergangenheit war wie ein roter Wanderrucksack.

Nun ist der materielle Verlust ärgerlich, aber er bringt mich nicht um. Das, was mich wirklich ärgert, ist der Diebstahl zweier Kameras, meiner und der meines Sohnes.

Es war bis dahin ein wunderschöner Urlaub gewesen – das Berliner Naturkundemuseum mit seinen riesigen Dinosauerierskeletten, seiner Mineraliensammlung und der beeindruckenden Reise durch die Geschichte des Universums – wir hatten einen fantastischen Tag dort. Auch der Park Sanssouci ist im Frühling von einer Blüten- und Farbenpracht überschwemmt, die ihresgleichen sucht.

Auch der folgende Tag war mit sechs gefundenen Geocaches ein Höhepunkt gewesen (Geocaching ist eine moderne Methode, seine Kinder für eine zwanzig Kilometer lange Wanderung zu begeistern. Man muss nur damit rechnen, dass es am Ende, wenn einem selbst die Füße glühen, heißt: Weiter! Weiter!)

Und unermüdlich flitzt mein Kleiner hin und her, fotografiert alles und jedes. Dinge, denen die Großen keine Beachtung mehr schenken, Aber ich bin sicher, dass er mir zu jedem Bild, dass er geschossen hat, genau erzählen kann, wann, wo und warum es entstanden ist.

Alles, was gestohlen wurde und alles, was beschädigt wurde, lässt sich ersetzen. Es gibt nur einen wirklichen Verlust: diese Bilder.

Geblieben sind unsere Erinnerungen.

Wie gut, dass es keinen Dieb gibt, der die stehlen kann.

Der Autor: Matthias Czarnetzki begann als Banker, wurde Journalist und studierte Informatik, bevor er feststellte, dass Schriftsteller mehrere Leben führen können, aber nur für eins Steuern zahlen müssen. Er ist unabhängiger Autor und unterstützt andere Indie-Autoren dabei, den gleichen Respekt zu erlangen wie Indie-Musiker und Indie-Filmemacher, so dass sie ihren traditionell verlegten Kollegen in nichts nachstehen. Noch Fragen?

Veröffentlicht in Ansichtssachen

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