Was macht eigentlich ein Selfpublisher? Testen, ob’s was taugt.

Ein fertiges, überarbeitetes Manuskript zu haben, ist ein großartiges Gefühl. Ich glaube, das es vergleichbar ist mit der Geburt eines Babys. Zugegeben, mir fehlt da ein wenig der praktische Vergleich; bei der Geburt meines Sohnes habe ich nur – mehr oder weniger hilfreich – daneben gestanden.

Trotzdem gibt es zwischen Babies und Manuskripten noch weitere Gemeinsamkeiten: wir neigen dazu, unsere Kinder zu schützen. Vor der großen weiten und in unserer Vorstellung unglaublich bösen Welt da draußen. Die Fachliteratur hat dafür den Begriff Helikoptereltern geprägt – Eltern, die um ihre Kinder herumschwirren und alles Schlechte von ihnen fernhalten. Spätestens aber, wenn in der Vorlesung die Tür des Audimax aufgeht und eine Stimme ruft: „Torben Janus, du hast dein Frühstücksbrot vergessen!“ ist klar, dass das nicht gut ist. Kinder müssen irgendwann lernen auf eigenen Beinen zu stehen. Probleme selbst zu lösen statt sie gelöst zu bekommen. Nur dann wachsen sie und werden stark. Und nur dann können sie ihre Eltern richtig stolz machen.

Als Schriftsteller neigen wir dazu, unsere Geschichten zu beschützen. Vor der großen bösen Welt da draußen, vor Lesern, die unser Buch nicht mögen, vor Rezensenten, die es in der Luft zerreißen, vor Ignoranten, die sowieso nicht kapieren, worum es wirklich geht.

Das ist falsch. Wie sonst lernst du als Autor, wo die Schwächen deiner Geschichten liegen, wenn du sie nicht an die frische Luft lässt? Sodass sie draußen mit der Literaturwelt in Berührung kommen, wo sie wachsen und gedeihen können. Feedback ist lebenswichtig. Auch Kritik. Selbst aus vernichtender Kritik solltest du versuchen, etwas zu lernen.

OK, du musst deinem Manuskript nicht gleich die volle Breitseite geben. Deshalb komme ich nun zu einer Strategie, mit der du Testleser gewinnen kannst, die dein Buch wohlwollend, aber auch kompetent beurteilen können.

Erstens: deine Verwandten sind keine geeigneten Testleser. Punkt. Warum? Sie stehen dir zu nah. Und sie sind den Rest deines Lebens an dich gebunden. Deine Mutter wird immer sagen, dass dein neustes Werk ganz toll ist. Und sie wird ganz begeistert sein. Das meint sie auch wirklich ehrlich. So sind Mütter nun mal.

Auch dein Partner wird abwägen, was für eine lange, glückliche Zukunft besser ist: Ehrlichkeit oder häuslicher Frieden. Die meisten werden sich für häuslichen Frieden entscheiden; falls nicht, steuert ihr wahrscheinlich gerade auf eine Trennung zu.

Das gleiche gilt für gute Freunde – wenn dir etwas an ihrer Freundschaft liegt, verschone sie mit Manuskriptarbeit1

Wie kommst du nun also an geeignete Testleser? Ich verrate dir meinen Trick.

Menschen denken in Schubladen. Das ist in diesem Fall nicht mal schlecht. Denn es bedeutet, wem eine Sache gefällt, dem wird eine ähnliche Sache auch gefallen. Du musst nun herausfinden, welche Sache – genauer: welches Buch – deinem Buch ähnelt.

Bei meinen Lutetia-Stubbs-Romanen sind es die Bücher um Henry Wilt, geschrieben von Tom Sharpe. Der eine oder andere kennt vielleicht Puppenmord; das ist der erste und bekannteste Teil der Serie. Jemand, der von Puppenmord begeistert ist, könnte also auch von KellerLeichen angetan sein. Und wo findet man Leser, die von Puppenmord begeistert sind? Du kannst ja schwerlich durch die Wohnzimmer der Nachbarschaft ziehen und die Bücherregale durchforsten oder dich vor einer Buchhandlung auf die Lauer legen und die Einkäufe der herauskommenden Kunden durchsuchen. Zum Glück gibt es dieses Internet 😉 Und in diesem Internet Lesercommunities, in denen sich Leser aktiv über Bücher und Geschichten austauschen. lovelybooks.de dürfte die größte deutschsprachige Community sein, librarything.com und goodreads.com sind international bekannter. Und das beste ist: die meisten Leser stellen ihr gesamtes Bücherregal online! Damit liefert die Suche nach Besitzern von Puppenmord eine ganze Reihe potentieller Testleser2

Wie geht es weiter? Ganz einfach: fragen. Eine nette Nachricht schicken, dich kurz vorstellen und sagen, dass du ein Buch geschrieben hast, welches dem Buch XY von Autor Z ähnelt. Und du gern seine Meinung zu deinem Manuskript hättest. Ob du es vielleicht unverbindlich schicken dürftest?

Vergiss nicht freundlich zu sein. Dein Gegenüber ist ein Mensch, wahrscheinlich mit einem Job und wenig Zeit. Respektiere das und auch ein Nein, falls er einfach nicht möchte. Denk immer daran: Niemand schuldet dir etwas. Aber Bitte und Danke sind wirklich wirkungsvolle Mittel, wenn es darum geht, Hilfe zu bekommen. Überleg dir vor allem, wie du deinen Dank auch zeigen kannst. Die Widmungsseite von Büchern ist nicht umsonst da und auch die Danksagungen sind im Normalfall mit einer ganzen Reihe von Namen gefüllt. Vielleicht fällt dir noch eine andere Überraschung ein. Wie heißt es so schön (und vor allem wahr): Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.

Beim ersten Buch solltest du von deinen Testlesern keine ausgefeilte Analyse erwarten. Bitte sie um einfache, kurze Feststellungen. Zum Beispiel: Kam dir meine Hauptfigur realistisch vor? Welches ist deiner Meinung nach die schwächste Stelle im Buch? Welche die stärkste? Würdest du dir dieses Buch im Laden kaufen oder nicht? Damit bekommst du einen Überblick, wie deine Geschichte in der Welt da draußen ankommt. Ist sie gut, dann kannst du eine Veröffentlichung ins Auge fassen – wenn nicht, dann hast du jetzt Hinweise, was du verbessern musst, ohne dass dabei zu großer Schaden entstanden ist3

Später, wenn du dir einen Kreis von Testlesern aufgebaut hast – wobei es natürlich von Vorteil ist, wenn du Serien oder zumindest immer im gleichen Genre schreibst – kannst du mit deinen Fragen detaillierter werden. Dann kannst du auch jedem deiner Betaleser einen nach seinen Vorlieben oder Spezialgebiet angepassten Fragenkatalog geben. Wenn einer von ihnen weit herumgereist ist, dann lass ihn Fragen zu deinen Handlungsorten beantworten; einen Computerfreak kann eher auf technische Details in deiner Geschichte achten.

Und wenn du etwas einfach nicht weißt? Dann frag einfach. Es ist unglaublich, wie viel Hilfsbereitschaft einem bei einer höflich gestellten Frage entgegenschlägt. Twitter ist da für mich eine reicher Schatz; eine Quelle von Fachwissen, die mit keinem Geld der Welt zu bezahlen ist. Mir geht das so bei Fragen, die sich nicht unbedingt per Lexikon beantworten lassen. Für mein aktuelles Buch brauche ich Hintergrundinformationen zu Malerei, zum Beispiel, wie viel für ein bestimmtes van-Gogh-Bild und ein Miro bei den letzten Versteigerungen bezahlt wurde. Oder wie sich eine Frau im sechsten Schwangerschaftsmonat wirklich fühlt (Eine Erfahrung, die ich naturgemäß nie selbst machen kann).

Wenn du auf andere zugehst und um Hilfe für dein Buch bittest, wirst du oft vor der Herausforderung stehen, die Geschichte und ihr Thema in zwei bis drei Sätzen zusammenzufassen. Du wirst merken: das ist nicht leicht. Aber es ist auch sehr wichtig; vor allem später, wenn es um das Buchmarketing geht. Deshalb komme ich im nächsten Artikel zum Kernsatz eines Buches. Wie man ihn findet und was ein Elevator Pitch ist.

Also bleib am Ball, per RSS oder eMail! Bis dahin!

 

 



1 Ja, es ist Arbeit. Wenn du es vielleicht anders siehst – deine Freunde sind keine Schriftsteller. Für sie bedeutet Texte zu lesen und zu bewerten Arbeit.


2 Konzentriere dich dabei besonders auf die, die dein Referenzbuch zusätzlich auch noch gut bewertet haben.


3 Außer möglicherweise an deinem Ego. Aber das heilt.

 

 

 

Der Autor: Matthias Czarnetzki begann als Banker, wurde Journalist und studierte Informatik, bevor er feststellte, dass Schriftsteller mehrere Leben führen können, aber nur für eins Steuern zahlen müssen. Er ist unabhängiger Autor und unterstützt andere Indie-Autoren dabei, den gleichen Respekt zu erlangen wie Indie-Musiker und Indie-Filmemacher, so dass sie ihren traditionell verlegten Kollegen in nichts nachstehen. Noch Fragen?

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