Überarbeiten! Aber wie? Die Triage-Methode von Sol Stein

Was macht eigentlich ein Selfpublisher?
Überarbeiten! Aber wie? Die Triage-Methode von Sol Stein

Die Überarbeitung ist das Wichtigste, was du für dein Manuskript tun kannst. Warum? Selbst die grandioseste Marketingstrategie, das genialste Cover, die ausgefeilteste Preisstruktur – wenn dein Buch Schrott ist, nützt das alles nichts. Oder anders gesagt: Sch… in Bonbonpapier bleibt Sch… Dagegen bin ich bereit über eine Menge Schwächen hinwegzusehen, wenn die Geschichte gut ist.

Bevor wir mit der Überarbeitung beginnen, noch ein Wort zum Sinn und Zweck von Kürzungen. Denn Überarbeiten ist etwas anderes als kürzen. Kürzen heiß Überflüssiges wegnehmen – was überflüssig ist, bedeutet für jeden Autor etwas anderes.

So sind Details nicht per Definition überflüssig. Im Gegenteil: sie sind überlebenswichtig. Je detaillierter eine Beschreibung ist, desto besser kann sich dein Leser in eine Szene hineinversetzen, desto lebendiger wirkt sie für ihn und desto mehr wird er von ihr berührt. Wie detailliert du deine Geschichte schreiben möchtest, hängt von dir ab. Gehen wir zurück zum Diamanten aus dem vorigen Artikel: Roh sieht er recht unscheinbar aus. Zu einem Brillant geschliffen, funkelt und strahlt er unvergleichlich schön. Je mehr Facetten er hat (in unserem Fall: je mehr Details deine Geschichte hat) desto strahlender wird er.

Mehr Details heißt dabei nicht automatisch besser. Bei Bildern ist das leicht zu erkennen: die alten Meister, deren Bilder manchmal von einer Fotografie kaum zu unterscheiden sind, sind genauso Kunst wie die abstrakten Gemälde eines Picasso oder Miro. Beide Malvarianten haben ihre Fangemeinde. In die Buchwelt übersetzt wäre Tolkien ein alter Meister, der seine Welt so detailreich beschrieben hat, dass sie gleich beim Lesen vor den Augen erscheint. In John Steinbecks Buch „Von Mäusen und Menschen“ hingegen steht kein einziges überflüssiges Wort. Mann könnte sagen: streich eins und der Sinn des ganzen Buches ändert sich.

Weshalb nun die ganze Betonung der Kürzerei, die durch jeden Schreibratgeber geistert?

Eine meiner ersten Schreibübungen – an der ich grandios gescheitert bin – war die Beschreibung eines kleinen Rinnsals. Ich sehe es immer noch vor mir: ein dünnes Wässerchen, das quer über den Feldweg hinter einem Bauernhof im Dorf meiner Oma floss. Klein, silbern, quicklebendig. Dieser winzige Wasserlauf hat mir die spannendsten Stunden meiner Kindheit beschert. Was konnte man da nicht alles machen: ein Wasserrad bauen, einen Staudamm, den Lauf verlegen… Ein Jungen um die zehn Jahre braucht nichts anderes, um sechs Wochen Sommerferien wie im Flug vergehen zu lassen. Das wollte ich beschreiben. Nicht nur den Wasserlauf, sondern das Gefühl drum herum.

Und ich bin gescheitert. Statt quicklebendig über die Kieselsteine zu springen, lag das Wasser schwer wie Blei auf dem Boden.

Der Fehler war einfach: ich habe versucht, jeden Aspekt so genau wie möglich zu beschreiben. Und habe damit meinem Leser (und mir) jede Möglichkeit genommen, seine Fantasie spielen und ein Bild in seinem Kopf entstehen zu lassen. Außerdem war es eine statische Beschreibung – ein lebendiges Bild entsteht aber nur durch aktives Geschehen. Dieser Unterschied zwischen aktiv und passiv wird uns später noch weiter beschäftigen.

Der Punkt ist – und wie weit du ihn befolgst, ist dir überlassen und wird deinen persönlichen Schreibstil prägen – du musst die Fantasie deines Lesers anregen. Du kannst ihn ruhig fordern. Mal mehr und mal weniger. Wie viel, das hängt von der Leserschaft ab, die du erreichen willst.

Im letzten Post habe ich die Triage-Methode von Sol Stein und die 10-Punkte-Text-ÜV von Andreas Eschbach erwähnt. Schauen wir uns diese zwei Vorgehensweisen an.

Triage-Methode von Sol Stein

Längere Texte zu überarbeiten ist eine anstrengende und mühselige Arbeit. Besonders, wenn man immer nach dem gleichen Schema vorgeht: von vorn beginnen und alles bis zum Ende durcharbeiten. Wiederholen, bis man mit dem Ergebnis zufrieden ist. Oder man nicht mehr kann.

Das lineare Vorgehen ist ermüdend. Zumindest mir geht es so, dass ich – egal was ich geschrieben habe – beim lesen denke: „Oh Mann! Das kannst du doch niemandem zumuten!“ Diesen Vorgang dann immer und immer wieder zu wiederholen steigert nicht gerade die Begeisterung für mein Manuskript.

Deshalb empfiehlt Stein folgende Methode, die aus dem Kriegslazarett entlehnt ist. Wenn dort Verwundete ankommen, werden sie von den Ärzten sofort einer der drei folgenden Gruppen zugeordnet:

1. Der stirbt – egal, was wir tun.
2. Der überlebt – egal, was wir tun.
3. Der steht auf der Kippe – hier müssen wir handeln.

Das heißt für dich: drucke dein Manuskript aus und lies es einmal Seite für Seite durch. Bei jeder Szene stelle dir die Frage: Ist die Szene stark und eindrucksvoll? Male ich Bilder im Kopf meines Lesers? Handelt mein Protagonist entsprechend seiner Persönlichkeit? Zeigt sich ein Charakterzug, der für ihn außergewöhnlich ist und ihn deshalb bemerkenswert macht? Handelt der Protagonist im Einklang mit dem Bild, welches der Leser von ihm hat? Gibt mein Antagonist wirklich Konter? Ist er nicht einfach nur böse, sondern auch real? Kann ich weitere Abgründe aufzeigen, die ihn entweder abstoßend oder anziehend machen? (Beispiel gefällig? Einfach in den Kommentaren anfordern :-))

Das sind die wichtigsten Frage; in seinem lesenswerten Buch „Über das Schreiben“ (Link führt zur englischen Version, für die Übersetzung mal bei 2001 nachsehen) werden noch einige mehr erwähnt und es geht auch tiefer in die handwerkliche Gestaltung des Textes. Wenn ich die Triage-Methode anwende, konzentriere ich mich vor allem auf die Charaktere und Handlung. Erst wenn die rund sind, lohnt es sich, das Manuskript auf Rechtschreibungs- und Grammatikfehler zu untersuchen (Dafür ist dann aber auch die 10-Punkte-Textüberprüfungsvorbereitung1 von Eschbach besser geeignet.)

Je nachdem, wie die Antworten auf die Fragen ausfallen, ordne die Szene einer der drei Gruppen zu.

Was gut ist, braucht nicht weiter verbessert zu werden. Zu viel verbessern oder perfektionieren zu wollen, führt manchmal zum Gegenteil. Wenn du dir bei einer Änderung nicht sicher bist, lass sie lieber sein. Oder notiere sie dir und warte drei Tage ab. Wenn dir die Änderung dann immer noch notwendig erscheint, übernimm sie.

Was schlecht ist, dem hilft auch keine Überarbeitung mehr. Versuch einfach, die Szene weg zu lassen. Brauchst du sie wirklich? Oder reichen zwei, drei zusammenfassende Sätze, um die Verbindung zwischen der vorigen und der nächsten Szene zu schaffen? Wenn ja, dann tu es so.

Widme dich nun den Szenen, die auf der Kippe stehen. Dort lohnt sich die Überarbeitung, dort solltest du Zeit und Mühe investieren. Mach das Geschehen für deinen Leser deutlich und lebendig, bring ihn dazu, mit zu leiden und mit zu jubeln. Male Bilder mit deinen Worten. Sprich das Herz an – das ist schwieriger, als nur den Kopf anzusprechen, doch nachhaltiger.

Wenn du die Kippel-Szenen überarbeitet hast, dann druck das Manuskript nochmal aus. Gestalte diesmal eine Titelseite. Mit dem Titel deines Buches, aber füge als Autor den Namen eines Schriftstellers ein, den du bewunderst. Jetzt lies dein Manuskript noch einmal – mit den Augen eines Lesers. Wenn dieses Buch, das du grad liest, wirklich der neuste Roman von – sagen wir Terry Pratchett – wäre, für den du fünfzehn Euro bezahlt hast: Wärst du zufrieden? Oder gibt es Stellen, bei denen du dir an den Kopf greifst? Es ist erstaunlich, wie viele Schwächen ein Wechsel der Perspektive zu Tage fördert.

Die zweite, technisch detaillierte und gründlichere Methode ist die 10-Punkte-Text-ÜberarbeitungsVorbereitung von Andreas Eschbach. Aber ich befürchte, die muss ich auf den nächsten Artikel verschieben.

Bis dahin!

 

 


1 Wer sich über den umständlichen Ausdruck wundert: Früher war dieses Vorgehen unter der Abkürzung mit den drei Buchstaben eines technischen
Überprüfungsvereins bekannt. Der hat aber juristische Maßnahmen angedroht, wenn sein Markenzeichen als Bezeichnung für eine Textüberarbeitungsmethode verwendet wird. Offenbar hat der Verein keine hohe Meinung von der Intelligenz normaler Menschen, wenn hier eine Verwechslungsgefahr konstruiert wird.

Ich finde so was traurig.

 

 

 

Der Autor: Matthias Czarnetzki begann als Banker, wurde Journalist und studierte Informatik, bevor er feststellte, dass Schriftsteller mehrere Leben führen können, aber nur für eins Steuern zahlen müssen. Er ist unabhängiger Autor und unterstützt andere Indie-Autoren dabei, den gleichen Respekt zu erlangen wie Indie-Musiker und Indie-Filmemacher, so dass sie ihren traditionell verlegten Kollegen in nichts nachstehen. Noch Fragen?

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Ein Kommentar zu “Überarbeiten! Aber wie? Die Triage-Methode von Sol Stein
  1. Marc sagt:

    Das mit dem T.Ue.V. ist doch ein Scherz, oder? Nein, ist es nicht? Naja …
    Zu Wichtigem: Ich bitte um ein im Artikel versprochenes Beispiel. 😉

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