Was macht eigentlich ein Selfpublisher? – Verwandle dein Manuskript in einen Diamanten

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Attribution: Rob Lavinsky, iRocks.com – CC-BY-SA-3.0

Rohdiamanten sind wirklich hässlich. Wenn du mir nicht glaubst, dann besuch die Mineralienausstellung der Bergbauakademie in Freiberg. Dort ist unter anderem ein etwa kirschkerngroßer Rohdiamant ausgestellt. Und ehrlich: wenn nicht Diamant drunter stehen würde, hätte ich dem unscheinbaren Ding keinen zweiten Blick zugeworfen. Im Gegensatz zu den tausenden anderen funkelnden, farbenprächtigen und kiloschweren Kristallen, die dort auf drei Etagen ausgestellt sind, war dieser Rohdiamant – milde gesagt – unansehnlich. Wenn ich diesen Rohdiamanten gefunden hätte, hätte ich ihn weggeworfen, ohne einen zweiten Gedanken daran zu verschwenden. Nur ein Experte erkennt in diesem Stadium den wahren Wert des Steins.

Was macht den Rohdiamanten dann so wertvoll? Sein Aussehen kann es nicht sein. Das erinnert eher an eine abgeschliffene Altglasscherbe, die du manchmal an der Ost- oder Nordseeküste finden kannst. Trüb, verschmutzt, mit Kerben und Dellen. Wie kann man aus einem so unansehlichen Etwas ein Schmuckstück machen, das zehn- oder hunderttausende Euro wert ist? Das liegt am Schliff. Bei besonders großen und außergewöhnlichen Steinen können Jahre vergehen, bis der Juwelier entschieden hat, welche Form der fertige Stein bekommen soll, wie dieses Wunder der Natur aufgespalten wird, um jede Facette des Steins am Besten zur Geltung zu bringen. Und wenn sie damit fertig sind, ist aus dem Rohdiamanten ein Produkt geworden, das manchmal sogar mit keinem Geld der Welt zu bezahlen ist.

Was haben nun dein Manuskript und ein Rohdiamant gemeinsam? Genauso, wie ein Diamant, wenn er aus der Erde kommt, unansehnlich und hässlich ist, genauso ist ein Manuskript, wenn es aus der Feder eines Autoren kommt, unansehnlich und hässlich. Das soll den Wert deines Buches nicht mindern – aber den Wert des Erstentwurfs können wohl nur Experten richtig einschätzen. Viele Leser dagegen werfen dein Buch nach einem kurzen Blick unbeachtet in die Ecke, oder löschen es von ihren Lesegeräten.

Möchtest du dein Werk dieser Gefahr aussetzen? Sicher nicht. Schließlich hast du viel Zeit und Mühe für das Schreiben dieses ersten Entwurfs aufgebracht. Das sein Wert nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist, heißt nicht, dass dein Manuskript wertlos ist. Nehmen wir noch einmal den Rohdiamanten. Ein kirschkerngroßes Exemplar wiegt vielleicht 9,152 Karat – das sind 1,83 Gramm. Und im Durchschnitt wird eine Tonne Erde bewegt, um 6,8 Karat Diamant zu finden. So steht es in der Wikipedia über die Argyle-Diamantenmine; eine der ergiebigsten Minen der Welt. Jemand hat also 1346 Kilo Erde umgelagert, um diesen kleinen Stein zu finden. Das ist eine Menge! Deine Anstrengung beim Schreiben entspricht der Bewegung von genau dieser Menge Stein, Schutt und Geröll.

Jetzt aufgeben? Bloß nicht!

Aber es braucht ein wenig mehr Arbeit, um aus dem Schatz, den du hast, ein unbezahlbares Schmuckstück zu machen.

Sein wir ehrlich: viele selbstverlegte Werke haben ihren schlechten Ruf vollkommen zu Recht. Das liegt daran, dass der Erstentwurf – entgegen der Meinung seines Schreibers – Mist ist. Das ist bei allen Autoren so. Bei Stephen King, John Grisham, Robert Harris, bei mir, bei dir. Der erste Entwurf ist immer Mist. Das sage nicht ich, das kommt von Hemmingway. Und der muss es wissen. Und er wusste auch, dass der zweite Entwurf nicht unbedingt besser ist; das Ende von In einem anderen Land hat er neununddreißig Mal umgeschrieben.

Das was einen Möchtegern-Schreiberling von einem wirklichen Schriftsteller unterscheidet, ist die Überarbeitung; vor allem seine Einstellung dazu. Am Widerwillen, das einmal Geschriebene zu überarbeiten, erkennt man im Allgemeinen den Amateur.

Ein Manuskript ist erst dann gut, wenn es ordentlich überarbeitet wurde. Im Lauf der Zeit bin ich auf einige Strategien gestoßen, die mir dabei außerordentlich helfen. Diese Techniken stammen nicht von mir, sondern von einigen der bekanntesten Autoren der Welt.

Wie für alles gilt aber: benutze deinen eigenen Kopf! Was für mich gut ist, muss nicht zwingend auch für dich gut sein. Ich habe auch nicht alles kritiklos übernommen, was ich gelernt habe. So habe ich von einem Schriftsteller gelesen, der den Erstentwurf seines Manuskripts verbrannte und aus dem Kopf die zweite Fassung schrieb. Zugegeben, dass ist eine radikale Version – etwas zu radikal für meinen Geschmack, weshalb ich auch seinen Namen aus meinem Kopf verbannt habe. Aber dir steht es natürlich frei, dein Manuskript zu verbrennen oder die Datei zu löschen. Endgültig. Ohne Papierkorb; sonst zählt es nicht.

Der zweite Hinweis (und der erste nützliche) stammt aus Stephen Kings Buch „Das Schreiben und das Leben“. Ein Lektor hatte auf eins der abgelehnten Manuskripte geschrieben: „Erste Fassung – 10% = Erste Überarbeitung“.

Was heißt das? Wir alle haben Lieblingswörter, die wir ziemlich oft verwenden. Die aber ziemlich oft für den Satz wertlos sind. Wie zum Beispiel ziemlich. Ich kann es in den vorigen Sätzen streichen und der Sinn würde sich überhaupt nicht ändern. Die andere Bezeichnung für solche Ausdrücke lautet: Giftwörter. Mach dir eine Liste mit deinen Giftwörter. Wörter, die oft auftauchen, die du möglicherweise gern verwendest, die aber keine Bedeutung für den Sinn deiner Sätze haben. Dann geh durch deinen Text und immer, wenn du auf ein Wort aus deiner Giftliste triffst, frage dich: „Brauche ich es wirklich?“ Oder mach den Praxistest: Streich es weg und lies den neuen Satz. Sagt er immer noch das gleiche aus? Dann lass das Wort weg.

OK, das war die einfache Überarbeitung. Für die ernsthafte Bearbeitung deines Textes empfehle ich dir, das Manuskript auszudrucken. Ehrlich, es fällt leichter und man arbeitet konzentrierter, wenn man nicht rasend schnell durch den Text scrollen kann, sondern sich langsam, Seite für Seite, durch den Text arbeiten muss.

Die zwei Methoden, die ich zur Überarbeitung von Texten verwende und die ich hier vorstellen möchte, sind die Triage-Methode von Sol Stein (aus seinem wirklich empfehlenswerten Buch „Über das Schreiben“) und der 10-Punkte-Text-ÜV von Andreas Eschbach.

Diese Arbeitsweisen werde ich im nächsten Artikel vorstellen – also dranbleiben! Am besten den Blog mit den Buttons oben rechts per RSS oder Email abonnieren, um nichts zu verpassen. In der Zwischenzeit kannst du ja schon mal alle Füllwörter eliminieren.

 

 

Der Autor: Matthias Czarnetzki begann als Banker, wurde Journalist und studierte Informatik, bevor er feststellte, dass Schriftsteller mehrere Leben führen können, aber nur für eins Steuern zahlen müssen. Er ist unabhängiger Autor und unterstützt andere Indie-Autoren dabei, den gleichen Respekt zu erlangen wie Indie-Musiker und Indie-Filmemacher, so dass sie ihren traditionell verlegten Kollegen in nichts nachstehen. Noch Fragen?

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2 Kommentare zu “Was macht eigentlich ein Selfpublisher? – Verwandle dein Manuskript in einen Diamanten
  1. Hey Matthias,

    das war ein echt interessanter Beitrag. So gut, dass ich gleich den nächsten darüber lesen will, nein sogar lesen muss! 😉

    Ich bin gespannt, was in den nächsten Wochen sonst noch so läuft!

    LG
    Yannick

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4 Pings/Trackbacks für "Was macht eigentlich ein Selfpublisher? – Verwandle dein Manuskript in einen Diamanten"
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  2. […] du hast es geschafft: Ein wunderbares Buch geschrieben, es nach allen Regeln der Kunst in einen Diamanten verwandelt, Testleser und Buchblogger sind gleichermaßen begeistert – warum klopft eigentlich nicht das […]

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