Hat Amazon für Indie-Autoren nichts mehr übrig?

 Ich habe kürzlich in einem Forum den Satz gelesen, dass Amazon in letzter Zeit nicht mehr so viel für Indie-Autoren übrig hat. Das ist falsch.

Richtig ist: Amazon hatte noch nie etwas für Indie-Autoren übrig.

Wenn man sich mit Amazons Strategie auseinandersetzt, dem Managementstil, ein paar Interviews mit Jeff Bezos liest und durch die Hilfeseiten und Verkaufsratgeber im Sellercentral geht, stellt man schnell fest, das Amazon nur für einen was übrig hat: den Kunden. Und den Umsatz, den er bringt.

Für den Kunden tut Amazon alles: kostenlose, schnelle Lieferung, niedrigste Preise, unkomplizierte Rückgabe – nichts wird unversucht gelassen, um das Kundenerlebnis zu optimieren.

Was ist aber mit Kindle Publishing? Hat Amazon es nicht erst überhaupt möglich gemacht, dass jeder völlig unbürokratisch seine Werke veröffentlichen und einer breiten Leserschaft zugänglich machen kann? Hat Amazon nicht eine Revolution im Verlagswesen begonnen?

Die Frage lautet Warum? Ganz sicher war es nicht das menschenfreundliche Bedürfnis, unerfüllte Schriftstellersehnsüchte zu erfüllen, welches Amazon zur Entwicklung des Kindles und der KDP-Plattform trieb, sondern einzig und allein Umsatz. Amazon verdient an einem Autor, der eine Million Bücher verkauft, wohl ungefähr genauso viel wie an einer Million Autoren, die jeweils ein Buch verkaufen. Nur das eine Million Autoren natürlich viel mehr Werbung für dieses fantastische neue Gerät machen, das es ihnen endlich ermöglicht… und damit viele neue Kunden zu Amazon zieht. Das Prinzip ist klar, oder? Der Erfolg – oder der Nicht-Erfolg – des einzelnen Schriftstellers dürfte Amazon dabei herzlich egal sein.

Vor ein paar Wochen hat Amazon in einer Sommeraktion zwanzig Bestseller zu je zwei Euro angeboten – und schon wurden die Indie-Autoren unruhig. Da wildert jemand in ihrer Preisdomäne! Denn verlagsveröffentlichte Bücher zum Preis von Selfpublisher-Werken? Kein Wunder, dass die sofort die Bestsellerlisten dominierten. Und dass es nicht mehr reicht, sein Buch exklusiv bei Amazon anzumelden und über die Select-Option ein paar Tage kostenlos anzubieten, um in die Top-Ten zu kommen, hat sich mittlerweile auch rumgesprochen. Darüber aber seinen Unmut auszulassen, bringt gar nichts. Denn Amazon macht keine Starautoren. Amazon stellt nur die Werkzeuge bereit, mit denen sich jeder selbst zum Erfolgsautor machen kann. Oder auch nicht.

Amazon ist weder Freund noch Feind der Indie-Autoren. Es ist vielmehr ein Werkzeug, um Bücher zum Leser zu bringen.

Das die Leser diese Bücher auch wollen, ist allein Aufgabe ihrer Schreiber.

Der Autor: Matthias Czarnetzki begann als Banker, wurde Journalist und studierte Informatik, bevor er feststellte, dass Schriftsteller mehrere Leben führen können, aber nur für eins Steuern zahlen müssen. Er ist unabhängiger Autor und unterstützt andere Indie-Autoren dabei, den gleichen Respekt zu erlangen wie Indie-Musiker und Indie-Filmemacher, so dass sie ihren traditionell verlegten Kollegen in nichts nachstehen. Noch Fragen?

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9 Kommentare zu “Hat Amazon für Indie-Autoren nichts mehr übrig?
  1. Herrlich deutliches Statement. Danke dafür!

  2. Ich sehe das auch so. Amazon ist nur eine Plattform auf der man seine Bücher anbieten kann.
    Es gibt aber auch noch andere (z. B.: BookRix und Neobooks) und auf denen sollte bzw. muss man auch präsent sein. Diese Plattformen haben für Indie Autoren sehr viel mehr zu bieten als Amazon.
    Und für das Marketing ist sowieso jeder selbst verantwortlich. Das sollte jedem Indie Autor klar sein.

    • Vor allem Neobooks ist dadurch, dass Amazon aus den Vertriebskanälen abgewählt werden kann, als Distributor interessant geworden. Bisher hatte ich mich davor gescheut, da ich meine Amazon-Rezensionen und die Bestseller-Platzierung verloren hätte. Jetzt bin ich aber schon fleißig beim Überarbeiten meiner Cover – dann gibt’s LS demnächst auch bei Neobooks.

  3. Curt Obrien sagt:

    Und das waren nur 20 Titel. Man kann sich vorstellen, was passiert wenn Amazon mal so eine Aktion mit 100 Titeln macht. Es sollte jetzt auch dem letzten klar geworden sein dass Amazon nicht der Schutzpatron der Indies ist.

  4. betty sagt:

    Ja, schließe mich an. Sehr zutreffend. Danke!

  5. Anja Esser sagt:

    Als Autorin treibt natürlich auch mich die Leidenschaft für meinen Beruf um. Vielleicht ist Leidenschaft sogar Grundvorraussetzung dafür diesen Beruf auf Dauer auszuüben.
    Eine sachliche Betrachtung kann da ab und an nicht schaden^^
    Der Geschäftszweck für Amazon ist nunmal der erfolgreiche Handel – und Amazon wäre nicht so erfolgreich wenn seine Führungskräfte das vergessen würden.
    Der Zweck muss jedoch für alle Seiten erfüllt sein: Wir Autoren nutzen Amazon ja auch nur solange das Unternehmen für uns genügend Vorteile zur Verfügung stellt.

    Insofern: Vielen Dank für den Artikel!

  6. Ralf Boscher sagt:

    Sehr lesenswerter Beitrag mit einem passenden Schluss:

    „Amazon ist weder Freund noch Feind der Indie-Autoren. Es ist vielmehr ein Werkzeug, um Bücher zum Leser zu bringen.“ – und meiner Erfahrung nach, ist es nicht nur ein Werkzeug, welches gut zu handhaben ist, sondern auch ein Werkzeug, das viele Hebel in Bewegung gesetzt hat.

    Indie-Autoren (und auch Verlagsautoren) haben heute wesentlich mehr Möglichkeiten, Leser zu finden. Vielleicht sogar Verlagsautoren langfristig größere Möglichkeiten, steht ihnen doch ein ganz anderer Werbeapparat zur Verfügung, um etwa XXL Leseproben neuer Bücher zu bewerben (die für Verlage kostengünstig als eBook an die Leserinnen und Leser gebracht werden können – ohne dass eine Druckmaschine laufen, einige Bäume gefällt werden müssen).

    Aber wie auch immer, die Technik des eBooks (die auch gerade Amazon mit der massiven Bewerbung seiner Lesegeräte salonfähig gemacht hat) birgt für jeden Autor Möglichkeiten, seine Leserinnen und Leser zu finden, die es früher nicht gab. Diese Möglichkeiten für die eigenen Bücher zu nutzen, liegt in der Hand der Autoren, denn: „Das die Leser diese Bücher auch wollen, ist allein Aufgabe ihrer Schreiber.“

  7. Sebastian sagt:

    Ich möchte Dir widersprechen: Amazon bietet kein Werkzeug, um groß rauszukommen, es gaukelt das nur vor. CS & KDP machen ein Buch nicht „lieferbar in Deutschland“, sondern nur „lieferbar bei einem einzigen Buchladen, der in letzter Zeit berechtigterweise immer mehr Kritik bekommt“. Das Buch bekommt keine deutsche ISBN-Nummer und ist im Handel nicht verfügbar. Der Autor kann zwar selbst Buchhandlungen suchen und diese beliefern, aber das nur theoretisch, denn eine realistische Lieferbarkeit wird man damit auch nicht erreichen.
    Wenn ich heute in einen Buchladen gehe und Flyer loswerden will, ist das Buch uninteressant: Flyer umdrehen, ISBN eintippen und Lieferbarkeit prüfen. Mehr Kriterien gibt es nicht.
    Dabei sind noch nicht einmal Pflicht- & Rezensionsexemplare berücksichtigt, die der Autor bei Amazon selbst bezahlen muss. Oh und die immer wieder auftauchenden Statistikprobleme, wenn definitiv verkaufte Bücher nicht in der Tantiemenstatistik auftauchen und der Support Amazon-typisch nur automatisiert mit Standardtexten antwortet, habe ich wo anders auch noch nicht erlebt.

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