Was ist eine Kurzgeschichte wert?

Nachdem sich Leser H. Gassner in seiner Rezension zu meiner, auf Amazon unter Kurzgeschichten veröffentlichten Kurzgeschichte Fristende (Kurzgeschichte) bitterlich darüber beschwert hat, das die Kurzgeschichte – wie soll ich sagen – kurz war und meinte, für seine 89 Cent nicht genug Gegenwert bekommen zu haben, habe ich mir über den Wert meiner Kurzgeschichten Gedanken gemacht.

Dabei entstand eine Liste, um die Relationen mal richtig in den Blick zu bekommen.

Dinge, die ich für 89 Cent nicht bekomme:

  • eine Tasse Kaffee beim Bäcker
  • ein halbes belegtes Brötchen
  • eine kleine Cola am Imbiss
  • irgendwas bei McDonalds
  • eine Stunde Parken in der Innenstadt
  • eine nahrhafte Tütensuppe
  • um genau zu sein: irgendwas ess-/genießbares für die Mittagspause

Dinge, die ich für 89 Cent (bzw. für die 29 Cent, die Amazon mir davon weiterleitet) bekomme:

  • eine Rolle Klopapier.

Ich lasse das mal kommentarlos so stehen.

Übrigens wurde das Thema bereits 1648 Burkhard Waldis  behandelt: Alles für die Katz. Viel Spaß beim lesen dieser kurzen aber inhaltsreichen Texte.

UPDATE: Eine lesenswerte Antwort hat Lola Victoria Abco geschrieben: Ein E-Book oder doch lieber ein Bananensplit?

Der Autor: Matthias Czarnetzki begann als Banker, wurde Journalist und studierte Informatik, bevor er feststellte, dass Schriftsteller mehrere Leben führen können, aber nur für eins Steuern zahlen müssen. Er ist unabhängiger Autor und unterstützt andere Indie-Autoren dabei, den gleichen Respekt zu erlangen wie Indie-Musiker und Indie-Filmemacher, so dass sie ihren traditionell verlegten Kollegen in nichts nachstehen. Noch Fragen?

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15 Kommentare zu “Was ist eine Kurzgeschichte wert?
  1. Jo sagt:

    Die Liste ist super! Ich bin gerade dabei die erste eigene Kurzgeschichte auf amazon zu publizieren und auch diese sollte lediglich 89 Cent kosten.
    Aus meiner Sicht ein fairer Preis. Sogar, was die Seitenzahl angeht. Denn für das Zehnfache erhält man heute ein Taschenbuch mit ca. 300 Seiten. So what!
    Recht machen, kann man es sowieso nicht jedem.

    LG
    Jo

    • Du hast Recht: es wird immer jemanden geben, der sich beschwert. Und manche glauben mittlerweile, ein eBook sollte sollte generell nur 99 Cent kosten, weil sie das von Smartphone-Apps gewöhnt sind. Das ist meiner Ansicht nach ein Mangel an Respekt gegenüber Kultur.

      Ich bin zwar für faire Preise, aber eben nicht für kostenlos und Geizkultur.

  2. Sehr schöne Beispiele! Besonders der Vergleich mit der nahrhaften Tütensuppe gefällt mir.
    Grundsätzlich habe ich allerdings bei Thema „Preisgestaltung von eBooks“ meine Bauschmerzen. Ich fürchte, wir Indie-Autoren sind auch selbst daran schuld, wenn mancher Leser eine „Für-Lau“-Mentalität entwickelt.
    Wenn ich meinen Roman „Der Sohn der Amazone“, welcher 500 Normseiten umfasst, für EUR 2,99 anbiete, so zahlt der Leser pro Seite EUR 0,005. Für eine 20-seitige Kurzgeschichte müsste er dann also EUR 0,11 zahlen, damit das gefühlte Preis-Leistungsverhältnis stimmt. Und das obwohl eine Kurzgeschichte meinst viel einfacher zu entwickeln ist als ein vielschichtiger Roman mit diversen Handlungssträngen.
    Jetzt kann ich lange argumentieren, dass diese EUR 2,99 ein Marketing-Instrument sind, um den Leser überhaupt zu bewegen, sich einer unbekannten Autorin zu nähern. Aber der Kommentar von H. Gassner zeigt, dass nicht alle Leser dieser Argumentation folgen.
    Manchmal überlege ich, eine Kostenaufstellung zu veröffentlichen: Wie viele Arbeitsstunden stecken in diesem Buch, wie viel habe ich für Plot-Beratung, Korrektorat, Lektorat und Cover ausgegeben. Und wie viel müsste ich von meinem Buch verkaufen, um wenigstens auf den Mindeststundenlohn einer Friseurin zu kommen.
    Aber davor schrecke ich noch zurück. Das Ergebnis wäre wohl zu niederschmetternd.

  3. Der E-Book-Bereich ist für Verlage und Autoren immer noch Neuland. Es gilt, Erfahrungen zu sammeln und entsprechend an den jeweiligen Rädchen zu drehen. Dies gilt auch für die Preisfindung eines E-Books. Die angemessene Vergütung eines Kulturguts in der gleichen Weise zu bewerten wie ein Kunde das Angebot an der Wurst- und Käsetheke, ist sicherlich nicht der richtige Weg.

    Lola Victoria Abco

  4. Thinkabout sagt:

    Das Verhängnis beginnt schon das, wo Autoren selbst die Rechnung via die Seitenzahl machen, per Dreisatz:
    300 Seiten = x, also sind 50 Seiten = y.
    Pustekuchen. Hier geht es doch, und das ist Dilemma und Glück zugleich, um weiche Faktoren. Zum Glück. Seelennahrung, Anregung für den Geist, Unterhaltung fürs Gemüt – das ist und muss sein: Liebhaberei. Man muss sich ein Stück Literatur, eine Geschichte, lieb sein. Gönnen wollen.

    Ich glaube im Endeffekt nicht, dass der Autor, der zu 0.99 E-Kurzgeschichten verkauft, besser abschneidet, als derjenige für 1.99.
    Wenn ich Lust auf eine Geschichte laut Beschreibung habe, dann ist das kaum das Kriterium, oder? Oder will der Autor von dem Leser beurteilt werden und für den schreiben, dem das Verweilen in seinem Werk 0.99 wert war, aber keinesfalls 1.99?

    • Leider gibt es immer noch viele Leser, die Kurzgeschichten nach Preis/Seite – Verhältnis bewerten, Kurzgeschichten dann mit einem Stern bewerten – da zu kurz – und damit den Ruf des Autoren nach unten ziehen. Selbst wenn es sich um die beste Kurzgeschichte der letzten 100 Jahre handeln würde…

  5. Die einzige Sicherheit vor vernichtenden Kritiken, die sich allein auf das Preis/Seiten-Verhältnis ziehen, ist wohl, in der Beschreibung des Textes bei Amazon SEHR, SEHR deutlich zu machen, dass es sich um eine KURZgeschichte handelt. Immer wieder lese ich den Kritiken, dass die Käufer von der Kürze der Geschichte einfach überrascht wurden. Ich selbst wurde auch mal negativ überrascht, als ich feststellen musste, dass eine Geschichte nur ca. 2 Seiten länger war, als die Leseprobe. Ich fühlte mich zunächst verhohnepiepelt, einfach weil ich die Erwartung, die ich hatte, als ich die Geschichte kaufte (nämlich noch mal 50-70% mehr Geschichte zu bekommen)enttäuscht wurde. Hätte ich gewusst, dass ich EUR 0,99 „nur“ für das Ende der Geschichte zahlen sollte, hätte ich das vermutlich auch getan. Und hätte ich mich nicht geärgert.

  6. angela sagt:

    Hallo Matthias,

    danke für den Artikel, der heute erst in meiner Twitter-Timeline landete. Ich hatte auch einen solchen Kritiker bei amazon: „Oberdorf, Leiche, Unterdorf ist einfach zu schlecht und kurz“. Bumm. Da kann man nichts machen.

    Dies passierte mir allerdings, obwohl auf der Produktseite mehrfach steht, es handle sich um eine Kurzgeschichte, Länge sechs Seiten. Stefanie Philipp hat recht, wir sollten es betonen, aber ich fürchte, viel deutlicher geht es nicht und es wird immer jemanden geben, der nicht durchsteigt. Zum Trost: Es gibt ja auf der anderen Seite genug andere, die es tun, und bei denen halte ich mich fest. 😉

  7. mary sagt:

    Leute, ist denn wirklich Quantitaet = Qualitaet? Eine gute Kurzgeschichte kann wie Parfumessenz sein: schier unbezahlbar. Und ein schlechter Roman blubberndes Wasser…. Klar, wer legt das fest? Brauchen wir vielleicht doch so was wie Reich-Ranicki reloaded?

  8. Ralf Boscher sagt:

    Schöner Beitrag – und ein interessanter Link zu Herrn Schwerdt.

    Das Thema scheint ein Dauerbrenner zu sein, auch bei mir häuften sich die Kommentare, als ich fragte:

    „Ist der Preis perfekt?

    Gerade als Indie-Autor macht man sich einige Gedanken über die Preisgestaltung.

    99 Cent – eine Tasse Kaffee aus dem Automaten kostet 1.50 Euro. 23 Seiten hat keiner gelesen, solange ein Automatenkaffee noch heiß ist. Außerdem: Wie viele Kaffee trinkt ein Autor, bevor er 23 wirklich gute Seiten geschrieben hat?

    Aber wie bemisst man den richtigen Preis für Literatur?“

    8400 Wörter für 7,50 Euro – ist das korrekt?

    http://blog.ralfboscher.de/8400-woerter-fuer-750-euro-ist-das-korrekt/

  9. ich habe letztes in einem Forum einen Post entdeckt, wo ein User darum, man möge ihm doch sagen, wo man meinen Kurzkrimi umsonst runterladen könne, da er einfach nicht die Kohle besäße, ihn zu kaufen.

    Ich hatte echt überlegt, ob ich für ihn mit der Sammelbüchse rumgehen soll, damit er die 99 Cent zusammenbekommt.

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