Wind entsteht, wenn Bäume mit den Ästen wedeln.

Wind entsteht, wenn Bäume mit den Ästen wedeln.

Diese Erklärung gefällt mir immer noch besser als die Verwirblung unterschiedlicher Luftschichten, mit denen jeder Meteorologe aufwartet.

Die Theorie mit den Baumwinden stammt von mir – genauer: der acht Jahre alten Version von mir. Wir lebten damals in einem Mietshaus in der dritten Etage – mit der Krone eines wunderschönen, mächtigen Ahorns direkt vor meinem Fenster. Im Herbst schien das Sonnenlicht schräg durch die gelbgold gefärbten Blätter in mein Zimmer und gab meinem kleinen Königreich einen besonderen Schimmer. In diesem goldenen Licht brauchte es nur einen kleinen Schritt bis in die Welt der Phantasie. Eine Welt, die sich auf den ersten Blick nicht von unserer unterscheidet, in der aber hinter einer hauchdünnen Fassade (nicht dicker als ein Blatt) die unglaublichsten Dinge darauf warten, entdeckt zu werden. In der Füchse sprechen und Bäume laufen können. In der sich hinter jeder Tür ein anderes Zimmer oder ein anderes Universum befindet – was man natürlich erst herausfindet, wenn man auf die andere Seite geht. Eine Welt, in der praktisch jeder Schritt ein neues Abenteuer ist – die Welt unserer Kindheit!

Aber irgendwann haben wir das verloren. Und die Aussicht auf ein Abenteuer macht Angst. Auf dem Weg von zwanzig nach dreißig wollten wir eine Welt, in der wir genau wissen, was auf der anderen Seite der Tür ist, bevor wir sie öffnen. In der Job, Karriere und Altersvorsorge wichtiger ist als das Neue, Unbekannte.

Mein Sohn ist jetzt fünf. Und für ihn, ist das Frühstücksmüsli nicht einfach etwas zu essen, sondern eine Mission! Die Vernichtung der gefährlichen Cornflakes, die sich in jeden Haushalt eingeschlichen haben um auf ein geheimes Kommando die Weltherrschaft an sich zu reißen! Was ihnen gelingt, sobald sie in allen Haushalten ihre Truppen haben – deshalb ist es so unglaublich wichtig, diesen Trupp zu vernichten. Er ist keine fünf Minuten am Tag er selbst. Er ist Pharao, ein Geologe, Ritter, König – was auch immer, er ist es. Und ich wollte diese Phantasie zurück. Felix ist so ein Junge, der auf dem Weg zur Schule von einem zwei Meter großen Troll gebeten wird, durch einen kleinen Spalt in ein anderes Universum mit Prinzessinnen, Drachen, Helden und Monstern einzutauchen. Auch wenn er dafür eine Matheklausur verpasst.

Gehen sie durch die Tür in die Welt ihrer Phantasie. Wo sie ist? Hinter der nächsten Ecke, hinter dem Blatt eines Baumes, hinter der Tür im Keller, die sie noch nie geöffnet haben. Vielleicht ist sie auch hier: Felix – Held in Ausbildung (Amazon, beam-ebooks.de).

Wenn die Blätter des Ahorns vor meinem Zimmer rauschten und wedelten – dann wusste ich, war es draußen windig. Die Welt ist schöner, wenn die Bäume den Wind machen.

Der Autor: Matthias Czarnetzki begann als Banker, wurde Journalist und studierte Informatik, bevor er feststellte, dass Schriftsteller mehrere Leben führen können, aber nur für eins Steuern zahlen müssen. Er ist unabhängiger Autor und unterstützt andere Indie-Autoren dabei, den gleichen Respekt zu erlangen wie Indie-Musiker und Indie-Filmemacher, so dass sie ihren traditionell verlegten Kollegen in nichts nachstehen. Noch Fragen?

Veröffentlicht in Lesen, Verlegen Getagged mit: , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*