MRK – Die Motivations-Reaktions Kette

Vor ein paar Wochen stieß ich im Blog advancedfictionwriting.com von Randall Ingermanson auf einen interessanten Artikel über ein Problem, welches den meisten Schriftstellern Schwierigkeiten bereitet: das der Motivations-Reaktions Kette. (Vielleicht hat der eine oder andere schon den Originalbegriff MRU oder Motivation-Reaction Unit gehört.)

Viele Texte verlieren ihre Wirkung, wenn dieses Prinzip nicht beachtet wird. Sich der MRK bewusst zu sein wird ihre Geschichten stärker machen und die Leser in den Bann ziehen.

Das Prinzip ist einfach: Vor jeder Szene, die sie schreiben, legen sie den „Point of View – Character“ fest, also die Person, aus deren Blickwinkel sie die Szene schreiben. Nur von dieser Person kennen sie in dieser Szene Gedanken und Empfindungen. Die Gedanken und Emotionen anderer Personen kennen sie nicht! Sie können ihren POV-Charakter Vermutungen anstellen oder Beobachtungen machen lassen, aber vermeiden sie den Fehler, in einer Szene das Innere einer Person zu beschreiben, die nicht der POV-Charakter ist.

Sie können eine Szene auch ohne POV-Charakter schreiben. Dann erzählen sie aber „von außen“, was gerade passiert – das ist nichts, was ihren Leser emotional in ihre Geschichte zieht. Besser ist es, einen solchen Charakter zu wählen und ihn (sowie ihren Leser) die Szene erleben zu lassen.

Wie legen sie den POV-Charakter fest? Eine gute Daumenregel lautet, den zu wählen, der in der Szene am Meisten zu verlieren hat. Haben beide gleich viel zu verlieren – vielleicht beim Showdown zwischen Protagonist und Antagonist – wählen sie die Person, die dem Leser sympathischer sein sollte.

Nun kommen wir zur MRK. Was sind die einzelnen Bestandteile? Die Motivation ist alles, was von außen auf den POV-Charakter einwirkt. Andere Personen, Handlungen, Dialoge, der Ort. All diese Dinge veranlassen unseren Charakter, etwas zu tun. Sie motivieren ihn.

Die Reaktion ist das, was unser POV-Charakter daraufhin tut. Das schließt seine Antworten in Dialogen ein, seine Handlungen sowie seine Gedanken und Gefühle – die sie, da sie in dieser Szene im Kopf dieses Charakter sind, dem Leser enthüllen können.

Wenn es in ihrem Text Szenen gibt, die nicht stimmig sind, prüfen sie den Ablauf auf die Motivations-Reaktions Kette. Denn viele Probleme liegen darin, dass der POV-Charakter etwas voreilig ist: er handelt, bevor die entsprechende Motivation geliefert wird.

Ein Beispiel soll das Ganze veranschaulichen:

Sherlock tauchte nach rechts weg, gerade als Moriarty die Axt zurückriss und mit heimtückischen Schwung vorwärts brachte, nachdem Inspektor Lestrade am anderen Ende der Straße seine Polizeipfeife blies und beide Männer einen Moment innehielten, bevor sie ihren Kampf erbittert weiterführten.

Dieses Beispiel ist natürlich rein theoretisch – ich glaube nicht, dass jemand in Wirklichkeit so schlecht schreibt. So einer Beschreibung fehlt jegliche Spannung. Doch das soll sich gleich ändern.

Als erstes wählen wir einen POV-Charakter. Keine Frage, das sollte Sherlock sein. Das war aber das kleinere Problem. Das größere liegt im umgekehrten Timing – die Handlung wurde dem zeitlichen Ablauf genau entgegengesetzt aufgeschrieben.

Bringen wir es in die richtige Reihenfolge:

  • Lestrade pfeift
  • Sherlock und Moriarty halten kurz inne
  • Sherlock und Moriarty kämpfen weiter
  • Moriarty reißt die Axt zurück
  • Moriarty schlägt erneut zu
  • Sherlock taucht nach rechts weg

Achten sie in ihren Texten auf die Worte „nachdem“ und „bevor“ – sie zeigen an, dass hier etwas nicht in der Reihenfolge beschrieben wurde, in der es passiert ist.
Außerdem muss eine Szene nicht aus nur einem Absatz bestehen. Fügen sie Leerzeilen ein, um einzelne Abläufe klarer zu machen.

Am anderen Ende der Straße blies Lestrade in seine Pfeife.

Sherlock riskierte einen Blick. Hilfe war unterwegs. Nur ein paar Augenblicke musste er Moriarty noch abwehren.

Moriarty holte mit der Axt aus, schwang sie hoch über seine Schulter und ließ sie niedersausen wie ein Sense.

Sherlock tauchte nach rechts weg, aus der Reichweite der blitzenden Schneide.

Das ist zwar etwas länger als der originale Absatz – aber wesentlich klarer und leichter zu lesen.

 

Der Autor: Matthias Czarnetzki begann als Banker, wurde Journalist und studierte Informatik, bevor er feststellte, dass Schriftsteller mehrere Leben führen können, aber nur für eins Steuern zahlen müssen. Er ist unabhängiger Autor und unterstützt andere Indie-Autoren dabei, den gleichen Respekt zu erlangen wie Indie-Musiker und Indie-Filmemacher, so dass sie ihren traditionell verlegten Kollegen in nichts nachstehen. Noch Fragen?

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2 Kommentare zu “MRK – Die Motivations-Reaktions Kette
  1. Hallo Matthias,

    das Buch „Techniques of the Selling Writer“ von Dwight Swain ist insgesamt sehr interessant (er hat meines Wissens MRU eingeführt).

    Interessant ist auch, dass ich einen ähnlichen Ansatz bei der Alessandra Pilar in ihre Buch „The Coffee Break Screen Writer“ gefunden habe. Nur nutzt sie ihre AER-Kette (Action-Emotion-Reaktion) während des Plottings bzw der Entwicklung einer Geschichte.

    Eine Aktion eines nicht-Protagonisten wird gefolgt von einer Emotion(alen Antwort) des Protagonisten, woraus eine Reaktion des Protagonisten folgt, was wiederum eine Reaktion eines nicht-Protagonisten nach sich zieht.
    Man sollte hier den Begriff nicht-Protagonist nicht zu eng nehmen. Alles aus der Umwelt, was eine emotionale Antwort und anschließend eine Reaktion des Protagonisten nach sich zieht, ist im weitesten Sinne sein nicht-Protagonist.

    Damit erreicht man in der Planung (während MRU erst während des Schreibens zum Einsatz kommt), dass die Abläufe logisch sind und nicht wie in den schlechten Filmen völlig aus der Luft gegriffen zu sein scheinen.

    Außerdem ist AER naturgemäß grobmaschiger als MRU, sprich, eine AER-Einheit kann während des Schreibens in mehrere MRU zerlegt werden.

    Grüße,
    Mira

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