Zivilcourage – warum hinschauen, wenn man wegschauen kann?

 

Auf der Straße – Ein Mann brüllt ein kleines Kind an. Greifst du ein?

An der Haltestelle – Ein Junkie stößt einer alten Dame zu Boden und reißt ihr die Tasche von der Schulter. Wechselst du die Straßenseite und lässt sie liegen?

In der Stadt – Eine Gruppe Halbstarker jagt ein Mädchen, das um Hilfe schreit. Stellst du dich vor sie?

Zivilcourage keine graue Theorie. Zivilcourage ist kein unerreichbares Ideal. Zivilcourage geht uns alle an – auch dich.

Wir alle kennen die Antwort auf die Situationen oben. Wir wissen, was zu tun wäre. Warum ist es so schwer, dann auch so zu handeln?

Weil wir keine Helden sind. Doch nun lesen wir jeden Tag in der Zeitung oder hören es im Radio: die Kriminalität nimmt zu, die Gewaltbereitschaft steigt. Und wir schauen hilflos zu. Oder einfach weg. Weil es einfacher ist wegzuschauen. Weil ja jemand anders dafür zuständig ist. Wirklich?

Die Gesellschaft in der wir leben ist die Summe der Menschen, aus der sie besteht. Die Summe aus dem, was wir sind.

Wenn ich lese, dass Brigitte Heinisch sich bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte durchklagen muss, bis endlich die Richter genug Mut finden zu sagen: Ja, es ist richtig den eigenen Arbeitgeber wegen Verletzung der Betreuungspflicht anzuzeigen – frage ich mich, wie weit unsere Gesellschaft schon verkommen ist.

Aber sind wir dagegen hilflos? Nehmen wir ein Beispiel. Eine junge Frau, die ich gut kenne. Ihr Name ist Lutetia Stubbs. Lutetia schaut nicht weg. Lutetia läuft nicht weg. Lutetia hat eine genaue Vorstellung von Richtig und Falsch – und setzt sie durch, mit dem Charme und der Kraft einer Dampframme. In Sachen Zivilcourage ist sie viel besser als ich – genau deshalb habe ich sie erfunden. Und ich habe sie in einem Ort platziert, in der es große und kleine Kriminelle geschafft haben, alle wichtigen Posten der Justiz zu besetzen um ungestört ihren Verbrechen nachgehen zu können.

Sich hinter Anonymität zu verstecken, hinter Gesetzen und Paragraphen – das ist der Tod jeglicher Ethik. Brigitte Heinisch hätte sich hinter dem Loyalitätsgebot gegenüber dem Arbeitgeber verstecken können – sie hat es nicht getan. Lutetia hat ein Prinzip. „Ich bin an das Recht gebunden, nicht an das Gesetz.“ Brigitte Heinisch hat das getan. Sie hat persönliche Nachteile in Kauf genommen, weil sie nicht wegschauen wollte. Weil sie Mitleid mit denen hat, die sich nicht wehren können. Das ist menschlich, das ist Größe.

Menschen wie Brigitte Heinisch sind die wahren Helden unserer heutigen Zeit. Denn Courage oder Mut ist die Eigenschaft, angesichts einer für die eigene Person bedrohlichen Situation, die eigene Angst zu überwinden und das Richtige zu tun.

Was ist das Richtige? Knochen brechen und Ganoven verprügeln, wie Lutetia es tun würde? Nein, dass muss es nicht sein. Zivilcourage heißt: nicht wegschauen. Ungerechtigkeit nicht dulden. Den Schwächeren beizustehen. Manchmal reicht dazu ein Wort, eine Geste, manchmal ein Anruf bei der Polizei, manchmal mehr.

Zivilcourage erfordert Mut. Aber jedes Mal, wenn wir diesen Mut aufbringen, sind wir Helden.


Zur Zivilcourage in kleinen Schritten hat Heike Fröhling eine sehr bewegende Kurzgeschichte geschrieben: Zugfahrt. Unbedingt lesen!


Die Polizei hat auf der Website www.aktion-tu-was.de eine sehr gute Zusammenfassung über die sechs Schritte veröffentlicht, die jeder in einer Notsituation befolgen sollte.

Der Autor: Matthias Czarnetzki begann als Banker, wurde Journalist und studierte Informatik, bevor er feststellte, dass Schriftsteller mehrere Leben führen können, aber nur für eins Steuern zahlen müssen. Er ist unabhängiger Autor und unterstützt andere Indie-Autoren dabei, den gleichen Respekt zu erlangen wie Indie-Musiker und Indie-Filmemacher, so dass sie ihren traditionell verlegten Kollegen in nichts nachstehen. Noch Fragen?

Veröffentlicht in Allgemein, Ansichtssachen, Schreiben Getagged mit: , , , , , , ,
0 Kommentare zu “Zivilcourage – warum hinschauen, wenn man wegschauen kann?
2 Pings/Trackbacks für "Zivilcourage – warum hinschauen, wenn man wegschauen kann?"
  1. […] man wegschauen kann? – Eine Diskussion26. August 2011 By Matthias CzarnetzkiNach meinem Post Zivilcourage – warum hinschauen, wenn man wegschauen kann? habe ich viele Reaktionen erhalten. Zivilcourage ist eine gute Sache – theoretisch. Denn es […]

  2. […] eine Diskussion über Zivilcourage. Ein Matthias Czarnetzki anderer Autor hatte im Netz gefragt, warum man wegschaut, wenn man doch auch hinsehen kann. Mit einer der Antworten setzt er sich in einem weiteren Blogbeitrag auseinander. Diesen […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*