Kann irgend jemand aus dem Kopf die Verlage der fünf letzten Bücher nennen, die er gekauft hat?

Ich kann’s nicht.

Ich habe kürzlich einen Artikel gelesen, in dem es darum ging, welche Bedeutung der Verlag eines Buches für den Leser hat: gar keine. Das mag provokant klingen, aber das lässt sich durch einen einfachen Test beweisen (oder widerlegen). Wenn die Mehrheit die oben gestellte Frage beantworten kann, ist die Behauptung falsch. Ansonsten – und das ist bitter für die Zukunft der Verlage – ist es so, dass für den Leser der Verlag selbst kaum eine Bedeutung hat.
Wenn ich aus meiner persönlichen Erfahrung spreche, gibt es für mich in Deutschland nur zwei Verlage, die gleichzeitig ein Qualitätsmerkmal für die von ihnen veröffentlichten Bücher sind: Brockhaus und Duden. Gerade letzterer ist ein Synonym für gutes und richtiges Deutsch an. Andere Nachschlagewerke zur Rechtschreibung haftet der Makel der billigen Kopie an. Das dürfte dann aber auch einer der ganz wenigen Fälle sein, in denen der Käufer seine Entscheidung zumindest teilweise nach dem Verlag trifft.
Wie sieht es aber bei Publikumsverlagen aus? Ist Stieg Larssons Millenium-Triologie bei Heyne oder bei Bastei-Lübbe erschienen? Oder im Fischer-Verlag? Welchen Unterschied macht es für den Leser? Keinen. Als Stephen King vor Jahren seinen Stammverlag verließ, machte das für seine Leser nicht den geringsten Unterschied.
Ich denke, die Situation wird sich für die Verlage den der Zukunft noch verschärfen. Leser entscheiden sich für Bücher nach deren Autoren. Oder hat man schon mal gehört: „Hast du schon das neueste Buch aus dem Goldmann-Verlag gelesen?“ Wahrscheinlicher heißt es: „Kennst du den letzten Pratchett?“
Besonders deutlich wird es durch den Auftritt der großen eBooks-Stores: Amazons Kindle-Shop und Apples iBooks. Dort präsentieren sich alle Bücher exakt gleich: als standardisierte Icons mit Autorennamen und Titel. Wer den Text dort eingestellt hat, dürfte den Leser nicht im geringsten interessieren: ob es Verlag X war oder Verlag Y oder – oh Schreck! – der Autor selbst ohne jegliche Verlagsbeteiligung.
Das bringt uns zur Rolle der Verlage in der Zukunft. Wenn der Verlag nicht mehr der Kanal ist, durch den das Buch vom Autoren zur Buchhandlung und zum Leser gelangt, was wird dann seine Aufgabe sein? Damit beschäftige ich mich im nächsten Artikel.
PS: Falls jemand tatsächlich die Verlage seiner letzten fünf Bücher aus dem Kopf kennt, bitte in den Kommentaren melden. Vielleicht liege ich ja mit meiner Analyse falsch.

Der Autor: Matthias Czarnetzki begann als Banker, wurde Journalist und studierte Informatik, bevor er feststellte, dass Schriftsteller mehrere Leben führen können, aber nur für eins Steuern zahlen müssen. Er ist unabhängiger Autor und unterstützt andere Indie-Autoren dabei, den gleichen Respekt zu erlangen wie Indie-Musiker und Indie-Filmemacher, so dass sie ihren traditionell verlegten Kollegen in nichts nachstehen. Noch Fragen?

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2 Kommentare zu “Kann irgend jemand aus dem Kopf die Verlage der fünf letzten Bücher nennen, die er gekauft hat?
  1. Daniel sagt:

    Millin, Adison-Wesley,O’Reilly (fachliteratur)
    Heyne, (roman)
    Carlson Comics (comics 😛 )
    Alex Taschenbücher (DDR-Verlag) mit „das blaue vom Himmel“ von Hannes Hüttner

    Das weiß ich aber auch nur, weil mir bei Fachbüchern die qualität bei A&W und O’Reilly passt.
    Millin und Alex sind mir in Erinnerung geblieben, weil ich dort spezielle Titel gefunden habe.
    Ja und Carlson.. dazu muss ich nichts sagen, oder 🙂

  2. Petra sagt:

    Bei Schmökerware und den großen Gemischtwarenläden kann ich das so gut wie nie, ich muss sogar oft vor dem Rezensionsschreiben nachschlagen.

    Es gibt aber Verlage mit sehr klarem Profil, meist Independents oder Literaturverlage, wo ich bewusst schaue: Was hat Verlag X Neues herausgebracht?
    Beispiele: Diogenes (sofort erkennbar) mit einer bestimmten Art von Krimis, wunderbare Frauen-Bildbände bei Sandmann, erlesen aufgemachte Literatur bei der Friedenauer Presse, Emigrantenliteratur im Persona Verlag, Genderthemen bei Aviva, Krug & Schadenberg, Ulrike Helmer, Frauenoffensive, Garten & Tiere bei Ulmer, Kochbücher bei GU, Hanser für besondere Literatur…

    Kurzum: Je schärfer das Profil eines Verlags, desto eher erinnert man sich an ihn und sucht dort auch gezielt nach Büchern. Auch interessant: Viele dieser Verlage habe ich erst durch Social media kennengelernt (sie liegen nicht unbedingt in der Buchhandlung). Und da kann ich mir am eindrücklichsten diejenigen merken, die sich am persönlichsten geben und nicht nur Buchtitel und Werbung twittern oder facebooken. So bin ich z.B. Fan eines gewissen Kabeljaus geworden, bevor ich das Buch auch nur sah – verlegt von Terzio.

    Als Autorin würde ich übrigens auch eher nach solchen Verlagen greifen wollen…

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