Die Rückkehr der Kurzgeschichte

Diejenigen unter uns, die sich noch an ihre Schulzeit erinnern können – entweder weil sie ein verdammt gutes Gedächtnis haben oder noch mitten drin stecken – werden wohl zustimmen, dass es zwischen dem Deutschunterricht und dem realen Leben eine gewaltige Kluft gibt: zwar zwang uns der Lehrer reihenweise Gedichte und Kurzgeschichten zu sezieren, als ob es nichts anderes gäbe, waren und sind diese Literaturformen in einer durchschnittlichen Buchhandlung kaum mehr als Randerscheinungen.

Der Grund ist einfach: Kurzgeschichten und Gedichte eigenen sich nicht dazu, gedruckt zu werden. Eine Kurzgeschichte von sagen wir fünfzehn Seiten mag noch so gut sein – vielleicht sogar das Leben ihres Lesers verändern – aber für fünfzehn Seiten wirft kein Drucker seine Maschinen an. Beziehungsweise tut er das nur für einen Preis, der die ganze Sache unwirtschaftlich macht, was einer Exekution gleichkommt. Der Leser dagegen, der sich mit blutendem Herzen von zehn, fünfzehn oder zwanzig Euro trennt, will dafür einen Gegenwert. Und der heißt Masse: das Verhältnis Seiten pro Euro muss stimmen. Und so führten technische Gegebenheiten zum Aussterben einer ganzen Literaturform (Sehen wir mal großzügig über so genannte Wahre Geschichten in diversen Boulevardblättern hinweg). Es ist schon erstaunlich, wie sehr die Technik unsere Gewohnheiten beeinflusst. Und genau die Weiterentwicklung der Technik ist es, die die Rückkehr der Kurzgeschichte einläuten könnte.

Bei einem eBook ist die Länge des Textes nämlich vollkommen egal. Auch die Preisgestaltung ist eher von den Mindestpreisvorgaben der jeweiligen Shops und den sinnfreien Beschränkungen der Buchpreisbindung abhängig als von Druck-, Lager- und Transportkosten der Papierveteranen. Wenn sie also eine großartige Idee für eine Kurzgeschichte haben – SCHREIBEN SIE SIE! Und dann bieten sie den Text für 99 Cent auf Amazon an. Oder für weniger woanders. Dann geht es aber nicht mehr bei Amazon, denn der Händler lässt geringere Preise nicht zu, was aber laut sinnfreier Beschränkung durch Buchpreisbindung notwendig wäre. Aber ich schweife ab.

Bei eBooks ist die Länge des Textes nicht mehr das Entscheidungskriterium, sondern der Inhalt. Von nun an ist es nicht mehr nötig, eine geniale Idee so lange auszuwalzen, bis sie einen schwachen Roman ergibt, der seine hundert Seiten füllt – oder für welche Seitenzahl auch immer der Verlag ein akzeptables Angebot von einer Druckerei bekommt. Eine Idee, so weit komprimiert, dass sie ihre explosive Kraft behält und ihren Leser gegen die nächste Wand schleudert, wo er atemlos eine Weile liegen bleibt und erst Mal wieder zu Atem kommen muss.

Ich hoffe, dass diese neue Entwicklung zu einer Renaissance der Kurzgeschichte führt – das ein neuer Mark Twain oder ein zweiter Ambrose Bierce endlich die Möglichkeit erhält, mit seinen Werken an die Öffentlichkeit zu kommen – denn Zeitschriften, die anspruchsvolle Kurzgeschichten veröffentlichen, gibt es schon seit dreißig Jahren nicht mehr.

99 Cent für eine Kurzgeschichte? Das klingt nicht viel für den Autor – ist es aber (auch wenn ich damit wieder Herrn Marx verärgere – bis zu den Kommentaren scrollen). Eine gute Geschichte findet ihre Leser – und sie findet viele davon.

99 Cent für eine Kurzgeschichte sind wenig für einen Leser. Wie viel ist das? Eine Kugel Eis? Ich stelle fest, dass mir die Beispiele für kleine Vergnügungen ausgehen, die man schon für einen Euro bekommt. Lieber Leser – es steht dir vollkommen frei, deinen Lieblingsautoren mit mehr Geld zu überschütten, aber wer nicht einmal das für Literatur ausgeben will, soll sich auch nicht beschweren, wenn ihm seine nächste Gehaltsabrechnung zu mager erscheint.

In diesem Sinne muss ich mal gerade die Kurzgeschichtenabteilung im Kindle-Shop durchstöbern. Meine eigenen Geschichten sind schon da (und finden ihre Leser) – ihre hoffentlich bald auch.

Der Autor: Matthias Czarnetzki begann als Banker, wurde Journalist und studierte Informatik, bevor er feststellte, dass Schriftsteller mehrere Leben führen können, aber nur für eins Steuern zahlen müssen. Er ist unabhängiger Autor und unterstützt andere Indie-Autoren dabei, den gleichen Respekt zu erlangen wie Indie-Musiker und Indie-Filmemacher, so dass sie ihren traditionell verlegten Kollegen in nichts nachstehen. Noch Fragen?

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11 Kommentare zu “Die Rückkehr der Kurzgeschichte
  1. Das sehe ich anders. Also dass die Kurzgeschichte zurückgekehrt ist (wobei ich insbesondere „Kurzkrimi“ meine, ich bin nämlich Krimi-Autor). Für mich war sie nämlich nie weg. Als Jungautor bieten mir Schreibwettbewerbe tolle Schreibanlässe, bei denen Kurzgeschichten aus unterschiedlichen Genres gefordert werden. Nicht nur Krimi. Und eine Anthologie-Veröffentlichung hernach ist eine klasse Sache.

    Ich lese selbst gerne Kurzgeschichten und schreibe als Autor ebenso gerne welche. Man kann vieles ausprobieren: andere Genres, andere Schreibstile, Figuren einführen, die später im Roman wieder kommen usw.

    Das „Sezieren von Kurzgeschichten“ im Deutschunterricht – wie du schreibst – habe ich natürlich auch gehasst. Umso mehr macht es mir heute Spaß, mich mit Kurzgeschichten zu beschäftigen.

    Im Übrigen biete ich meine Kurzkrimis auch bei Amazon an. Für 99 Cent. Klasse Sache. Todsicher.

    • Hallo Kriminalinski,

      kannst du mir sagen, wie lang deine Kurzgeschichten sind, die du auf Amazon verkaufst? Also wie viele Worte ungefähr, damit ich es vergleichen kann.

      Denn ich habe festgestellt, dass viele Leser für 99 Cent schon ein etwas längeres Werk erwarten und sich mit einer wirklich „kurzen Kurzgeschichte“ nicht zufrieden geben.

      Viele Grüße
      Matthias

  2. Hallo Matthias,

    jo, kann ich:

    „Grüner Tod“: 35.000 Zeichen/6.400 Wörter
    „Der Tod der alten Dame“: 41.000/6.000
    „Tod im Torf“: 58.000/10.000 (erscheint in Kürze)
    „Killi Koopmann“: 43.000/6.600 (erscheint in Kürze)

    Ich mache gerade die ersten Erfahrungen mit E-Book Veröffentlichungen. Nach den letzten beiden Kurzkrimis wird noch ein Krimi-Sammelband von mir als E-Book kommen – da sind da insgesamt 6 Kurzkrimis drin. Die vier da oben plus zwei weitere, wovon einer deutlich länger ist (70.500 Zeichen/11.000 Wörter).

    Groetjes
    Kriminalinski (Andreas)

  3. velvetvenus sagt:

    Wie lang sind denn deine Kurzgeschichten, wenn ich mal so direkt fragen darf???

    Ich finde nämlich für 99 Cent darf man keinen Roman verlangen….
    Da müssten dann auch 2500 bis 3000 Worte reichen.
    Ich wollte mir mal ne Preisliste anlegen…*ggg*

    • Da muss ich mal nachsehen: Fristende hat 2000 Worte, bei Kapitän Nük sind es 2800, das Flusspferd hat 1200.

      Zur Einordnung: 1500 Worte entsprechen ungefähr 5 Buchseiten.

      Die drei Geschichten kann man hier auf der Seite online kostenlos lesen, bei Amazon biete ich sie für 0,89 Cent an.

  4. Hallo velvetvenus!

    Wen meinst du? Wenn du mich meinst, dann lies den vorherigen Post, da habe ich die Längen meiner Kurzkrimis aufgeführt.

    Gruß
    Andreas

  5. velvetvenus sagt:

    Hallo Matthias,
    das deckt sich ungefähr mit meinem Verständnis von Kurzgeschichten.
    Es geht ja auch immer um die Preisgestaltung, wo zieht man da die Grenzen???
    Gar nicht so einfach denke ich.

    Hallo Kriminalinski,
    deine Geschichten finde ich schon nicht mehr kurz,
    alles über 5000 zählt für mich schon unter Kurzroman.
    Aber danke fürs nochmal antworten.

    • Sehr berührende Geschichte. Gefällt mir!

      • betty sagt:

        Danke für’s Lob! 🙂 Hab mich gefreut!
        Allerdings komme ich wirklich von der Kurzgeschichte – und vom Märchen. Deswegen habe ich wohl auch richtige Probleme einen 1000-Seiten-Roman zu schreiben. Als Roman gilt ein Buch ab 50 Seiten, aber es gibt viel mehr Unterschiede zwischen einer Kurzgeschichte und einem Roman, als nur die Anzahl der Wörter oder Seiten. Heyne hat früher regelmäßig Kurzgeschichten-Antologien z.B. im SF-Genre herausgebracht (weiß der Geier, warum sie das nicht mehr tun) da gab es Kurzgeschichten mit über 100 Seiten. Es genügt auch nicht, eine Geschichte mit vielen Füllworten – und Füllereignissen (und dann gingen sie noch da hin und holten das Magische Gedöns von König Karl und dort das Verwunschene Dingens von Kobold Gnörd etc) – zu strecken, davon wird sie genau wie Suppe oder Wein höchstens dünnner. Roman und Kurzgeschichte unterscheiden sich grundlegend in Struktur, Aufbau und Handlungsstrang.
        Vielleicht kann es gar nicht schaden sich gelegentlich mal an den Deutschunterricht zu erinnern, möglicherweise hat man da mal was drüber gelernt und nicht nur Kurzgeschichten ’seziert‘.
        Für Interessierte: http://de.wikipedia.org/wiki/Kurzgeschichte
        Sorry, bin Wikipedia-Fan 🙂

  6. Ich kenne aus dem Deutsch-Unterricht noch die Definition, dass sich eine Kurzgeschichte „mit einem einzelnen, unerhörten Ereignis“ beschäftigt.

    Romane dagegen sind – nach meiner Definition – eher weltenbauerisch veranlagt, weil man einen größeren Ausschnitt betrachtet und haben den aus dem Drama bekannten Aufbau, um die Spannung zu halten.

    So gesehen kann ein Roman durchaus kürzer sein als manche Kurzgeschichte.

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