Wie kann man schreiben lernen?

Am besten durch das Schreiben selbst, denn auch hier gilt: Übung macht den Meister. Es schwirrt eine Legende durch die Schriftsteller- und Journalistenkreise die sagt, dass man sich alle einhunderttausend geschriebene Wörter sprunghaft verbessert. Einhunderttausend Wörter sind eine ganze Menge. Das ist ungefähr ein Roman von 300 Seiten Länge. Es dauert eine Weile, bis man das zusammen hat. Wenn ich im Nachhinein meine Texte begutachte muss ich aber sagen: es ist wahr.

Nachdem ich meinen ersten Roman fertig hatte, dachte ich: toll! Du hast es geschafft! Nun heißt es Huldigungen entgegenzunehmen, die Veröffentlichung wäre nur noch eine Formsache und – natürlich – mein Leben als erfolgreicher Schriftsteller könnte beginnen. Der erste Kontakt mit Verlagen brachte die Ernüchterung. Vorgedruckte Absagen, die so schnell kamen, dass der Lektor die Leseprobe nur umgetütet haben konnte, nagten an meinem Selbstbewußtsein. Heute gebe ich – wenn auch nicht gerade freudestrahlend – zu: Es wahr ein Erstlingwerk. Noch dazu eine Rohfassung. Die Mühe einer umfassenden Überarbeitung hatte ich mir nicht gemacht. Die Geschichte ist toll, frisch und lebendig. Unter all den Sachen, die ich geschrieben habe, ist sie immer noch mein Favorit. Aber sprachlich gesehen kommt nicht ganz das rüber, was ich ausdrücken wollte. Wie sollte es bloß weitergehen?

Ich sagte mir: beim nächsten Mal wird’s besser. Und mein nächster Roman war besser. In der Zwischenzeit hatte ich mich etwas mehr mit der Theorie beschäftigt. Wie ist eine gute Geschichte aufgebaut? Was macht guten Stil aus? Ich hatte Bücher gelesen, die mir gefielen und sie analysiert um herauszufinden warum sie mir gefielen. Nach dem ich das erkannt hatte, war mir mein zweiter Roman noch nicht gut genug (obwohl es das Lieblingsbuch meiner Frau ist). Was war die logische Folge? Genau – ich schrieb meinen dritten.

Mein drittes Buch war anders als die Vorgänger. Ich schrieb nicht mehr alles wie aus dem Ärmel geschüttelt, sondern dachte nach. Plante die Figuren und Handlungen. Ich habe auch einen anderen Stil verwendet – die Vorgänger waren reine Erzählungen, dies hier eine Satire. Das Ergebnis meiner Übung, meiner Erfahrung und der Sachen, die ich gelernt hatte: ich war zufrieden. Es ist noch nicht das perfekte Buch, aber wesentlich besser als die ersten.

Und ich schreibe weiter. Weil es der einzige Weg ist, um besser zu werden. Es gibt vieles, was einem dabei helfen kann. Es gibt Bücher über Sprachstil und Geschichtenaufbau. Nichts bringt einen weiter als ein paar gute und ehrliche Kritiker. Wer will, kann auch an einem Kurs über Schreiben teilnehmen. All das hilft, auf dem richtigen Weg zu bleiben. Vorwärts bringt einen aber nur das Schreiben.

 

 

Der Autor: Matthias Czarnetzki begann als Banker, wurde Journalist und studierte Informatik, bevor er feststellte, dass Schriftsteller mehrere Leben führen können, aber nur für eins Steuern zahlen müssen. Er ist unabhängiger Autor und unterstützt andere Indie-Autoren dabei, den gleichen Respekt zu erlangen wie Indie-Musiker und Indie-Filmemacher, so dass sie ihren traditionell verlegten Kollegen in nichts nachstehen. Noch Fragen?

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2 Kommentare zu “Wie kann man schreiben lernen?
  1. MarkusW sagt:

    Geht mir ganz ganauso. Mein jetziges Manuskript ist der fünfte Roman, den ich schreibe und mit dem ich während der Überarbeitungsphase wirklich zufrieden bin. Allerdings ist es noch lange nicht das, was ich erreichen will. Das ist wahrscheinlich ein lebenslanger Prozess.

    • Ich glaube, dass in zehn Jahren die Bücher, die ich jetzt als Krone meiner Genialität ansehe, Ursache für einen kräftigen Facepalm sein werden – genauso wie ich mich bei Büchern, die ich vor zehn Jahren geschrieben habe, heute frage, wie ich auf so billige Formulierungen gekommen bin.
      Was mich beruhigt ist die Tatsache dass selbst Pratchetts Scheibenwelt, die bei mit nahezu komplett im Bücherregal steht, erst im Lauf der Zeit zu diesem Juwel des Humors und der Ironie geworden ist. Zumindest finde ich die frühen Folgen ziemlich einfach gestrickt. Wenn’s auch Pratchett so ging, dann besteht für uns noch Hoffnung.

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