Autoren sind Telepathen.

Sie
übertragen ihre Gedanken in die Köpfe ihrer Leser.

Das habe ich in Stephen Kings „Das Leben und das Schreiben“ gefunden.
Ich kenne kaum eine bessere Beschreibung der Arbeit eines
Schriftstellers.

Worum geht es einem Schriftsteller denn wirklich? Er möchte, dass sich
den Köpfen seiner Leser die gleichen Gedanken entstehen, die er selbst
denkt und dort die gleiche Geschichte erklingt, die er sich soeben
ausdenkt und selbst erzählt. Je leichter er es dem Leser macht, desto
besser wird dieser folgen können.

King beschreibt eine einfache Szene: stellen sie sich einen Raum vor, in
dessen Mitte ein Tisch mit einer roten Tischdecke steht. Auf diesem
Tisch ist ein Käfig mit einem Hasen und auf dem Rücken des Hasens steht
eine blaue Acht.

Tausende Leser werden in diesem Augenblick den gleichen Raum vor sich
sehen, mit einem Hasen und vor allem: einer blauen Acht auf seinem
Rücken.

Ist es derselbe Raum? Nein, sondern der gleiche. Das ist ein
Unterschied. Um denselben Raum in der Phantasie seines Lesers zu
erzeugen, müsste ich jede Kleinigkeit, jedes Detail beschreiben. Den
gleichen Raum – also einen vergleichbaren Ort zu erzeugen, bedarf es
wesentlich weniger Hinweise. Nur benötigt es mehr Anstrengung.

Den gröbsten Fehler, den Schreibanfänger machen, ist der Versuch, die
Bilder im Kopf des Lesers durch minutiöse Beschreibungen zu erzeugen. Es
ist nicht leicht, genug und doch nicht mehr als nötig zu schreiben, um
eine Geschichte zu übertragen.

Ich stelle mir Geschichten wie eine Reise vor, auf die ich meine Leser
mitnehmen nöchte. Wo werden sich die Leser am wohlsten fühlen? Auf einem
Terrain, das ihnen bekannt ist. Ich baue auf ihre Erfahrungen und gebe
ihnen gerade genug Anhaltspunkte um den Ort, an dem meine Geschichte
spielt, in ihrer Phantasie zu finden. In Lutetia Stubbs: Herz aus Stein
habe ich eine Szene im Salon eines Casinos spielen lassen. Das ist auch
alles, was ich über diesen Ort zu sagen habe: ein Salon in einem Casino.
Alles weitere ist nicht wichtig. (Sie können das im Augenblick noch
nicht überprüfen – das Buch wird wahrscheinlich Ende 2010 erscheinen.)
Andererseits habe ich eine exakte Vorstellung davon, wie dieser Raum
aussieht, wo sich die verschiedenen Personen aufhalten, auch davon, wie
sie sich in den Messingbeschlägen der Wände und Säulen spiegeln. Das ist
eine Vorbedingung für gutes Schreiben: ein Terrain zu haben, in dem ich
mich sicher fühle. Aber ich bin kein Tyrann – ich will die Phantasie
des Lesers nicht durch immer mehr Einschränkungen und Details verkümmern
lassen – er kann (und soll) sich sein eigenes Casino ausdenken.

Gehen wir noch einmal zu Kings Hasen zurück: Was hat er alles nicht
beschrieben? Über den Raum wird nicht gesagt. Oder was es für ein Tisch
ist: Plastik, Holz, Metall, hoch, niedrig, alt, neu, Küchentisch,
Wohnzimmertisch, Labortisch – nichts von alledem wird gesagt.
Genausowenig zur Tischdecke: sie ist rot. Ich stelle mir eine Decke aus
Samt mit einem goldenen Saum vor – jemand anders eine aus Plastik, ein
Dritter die gehäkelte Version. Ob das Rot wichtig ist? Vielleicht ja,
vielleicht nein. Aber das Rot wegzulassen – dann sähe die Bühne meiner
Geschichte so trostlos aus wie die eines Brechtschen Theaterstücks. Ein
wenig Glitter darf schon verteilt werden. In einer anderen Geschichte
kann das Rot wichtig sein: wenn Laborhase Nummer 8 seinen Peiniger
gefressen hat und das Rot keine Farbe, sondern das langsam trocknende
Blut des Wissenschaftlers ist.

Guter Stil ist der Verzicht auf Überflüssiges. So oder ähnlich hat es
mal jemand zusammengefasst. Ich bin ehrlich: das gelingt mir nicht beim
ersten Schreiben. Aber mittlerweile gelingt es mir beim Redigieren immer
besser. Und mit regelmäßiger Übung gelingt es jedem anderen auch.

Der Autor: Matthias Czarnetzki begann als Banker, wurde Journalist und studierte Informatik, bevor er feststellte, dass Schriftsteller mehrere Leben führen können, aber nur für eins Steuern zahlen müssen. Er ist unabhängiger Autor und unterstützt andere Indie-Autoren dabei, den gleichen Respekt zu erlangen wie Indie-Musiker und Indie-Filmemacher, so dass sie ihren traditionell verlegten Kollegen in nichts nachstehen. Noch Fragen?

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