Autoren können ohne Verlage leben – aber Verlage nicht ohne Autoren

Vor einigen Wochen habe ich hier die Frage gestellt, ob jemand von den letzten fünf Büchern, die er gekauft hat, die Verlage nennen kann.

Wie ich aus den verschiedenen Antworten entnehmen konnte, scheint es für Fachbuchverlage leichter zu sein, vom Leser als Marke erkannt zu werden. Gerade im IT-Bereich sind Addison-Wesley und O’Reilly für inhaltlich hochwertige Bücher bekannt, während Data Becker und der Markt&Technik Verlag für nicht professionelle Leser den Stoff verständlich aufbereiten.

Bei Verlagen für Unterhaltungsliteratur sieht es dagegen anders aus: obwohl sich im Regal der Leser – durch ihren Geschmack geprägt – durchaus Bücher bestimmter Verlage ansammeln, so spielt der Verlag selbst bei der Auswahl keine Rolle, sondern der Autor. Der Verlag, der den Autor hat, hat das Geschäft. Aber mittlerweile gibt es eine neue Bedrohung für das althergebrachte Modell: wenn die
Autoren-Leser-Beziehung das ist, worauf es ankommt, warum dann über einen Mittelsmann gehen? Die Hauptaufgabe des Verlags als „Contentüberbringer“ zwischen Autor und Leser wird durch das Internet obsolet. 2008 war für den amerikanischen Buchmarkt ein bedeutsames Jahr: in diesem Jahr erschienen mehr selbstverlegte Bücher als Verlagsveröffentlichungen.

Darunter waren nicht Werke, die einfach nur schlecht waren, sondern auch Bücher, deren Autoren bewusst diesen Weg wählten, weil die Suche eines Verlags und die anschließende Veröffentlichung dort einfach zu zeitaufwändig waren, oder weil sie selbst die vollständige Kontrolle über ihre Bücher behalten wollten.

Prominentes Beispiel ist Seth Godin. Der amerikanische Marketingexperte hat sich im Lauf der Jahre über seinen Blog, seine Vorträge und seine Präsenz in den Medien eine gewaltige Anhängerschaft aufgebaut. Die Qualität seiner Arbeit ist unumstritten. Dieser Mann hat einen Verlag schlicht und einfach nicht mehr nötig. Außerdem ist sein Fachgebiet Marketing extrem schnelllebig. Bei einer Dauer von sechs bis neun Monaten zwischen dem Schreiben eines Buches und der Veröffentlichung ist sein Inhalt bereits veraltet; vor allem bei einem Mann, der seine Bücher schon Mal innerhalb einer Woche schreibt.

Stattdessen konzentriert er sich auf eBooks – Kindle, iPad, PDFs und wer es gedruckt haben will, dann eben Lulu.com oder Scribd.com. Im Buchhandel sind seine Bücher kaum zu finden – das stört ihn aber wenig.

So ein Mann muss für die Verlage eine Horrorvorstellung sein. Aber gerade darin liegt die Gefahr: Bestsellerautoren wie JK Rowling, Stephanie Meyers oder Stephen King, die, wie unter vorgehaltener Hand gesagt wird, die ganze Branche am Leben erhalten, haben Verlage nicht mehr nötig. Es ist eine einfache Wahrheit: Autoren können ohne Verlage leben, aber Verlage nicht ohne Autoren.

Warum können Verlage, so wie sie heute arbeiten, in Zukunft nicht mehr existieren?

In den „guten alten Zeiten“, wenn man so die Biographien älterer Schriftsteller liest, war der Verleger für den Schreibenden fast eine Art Familie. Junge Talente wurden gefördert und auch über längere Durststrecken hinweg behalten. Es gab ein richtiges Lektorat, das mit dem Autoren zusammen an Stil und Ausdruck feilte oder darum kämpfte. Ein Misserfolg musste nicht gleich das Ende der Autorenkarriere bedeuten. Solche Verlage mag man heute noch vereinzelt finden, aber durch die wirtschaftliche Situation sind sie zum Aussterben verurteilt.

Mittlerweile sind Verlage – genauso wie alle anderen „BWL-verseuchten“ Unternehmen – rein gewinnorientiert. Und das bedeutet: minimale Kosten, maximaler Profit. Minimale Kosten heißt, ein Manuskript wird billig eingekauft. Am besten hat es schon druckreife Qualität, denn das spart das Lektorat. Das Autorenhonorar wird minimal gehalten. Freie Journalisten, hieß es vor ein paar Monaten in einem Bericht, haben es dabei noch gut: sie bräuchten nur jeden Monat Text im Umfang der Bibel zu schreiben, dann könnten sie davon sogar leben.

Veröffentlicht werden außerdem nur Autoren, die etwas schreiben, was „der Markt“ gerade verlangt. Ist ein Vampirroman erfolgreich, folgen hunderte andere – oft nach dem gleichen Muster gestrickt. Klingt übertrieben? Dieser Bericht aus der Welt des Buchhandels über Nackenbeißer und Wölckchenbücher bestätigt es. Marktgetriebenes Handeln ist zwar gut für den Gewinn, aber gleichzeitig der Tod von Kreativität, Inspiration und Innovation. Stimmt der Gewinn nicht, werden weitere Manuskripte nicht verlegt. Ein Buch hat neunzig Tage – dann ist es im Buchhandel entweder erfolgreich oder wird eingestampft. Und mit der Auslagerung der Manuskript“sichtung“ an Agenten entfernen sich die Verlage noch weiter von den Autoren. Wenn also vor einiger Zeit ein amerikanischer Verlag eine ganzseitige Zeitungsanzeige schaltete um zu verkünden, dass sein neues Buch das erste seit zehn Jahren ist, das aus einem eingesandten
Manuskript gemacht wurde
, was will er damit den Autoren sagen? Bitte belästigt uns nicht weiter? Damit sollten Verlage vorsichtig sein, denn das könnte heute schneller der Fall werden, als sie glauben.

Was sollten Verlage tun, um fit für die Zukunft zu werden?

Das könnte zum Beispiel durch die „Rückbesinnung auf alte Werte“ geschehen. Ich möchte es einmal so ausdrücken: Literaturnobelpreisträger wachsen nicht auf Bäumen. Es braucht Zeit und sehr viel Schreiberfahrung, um sich selbst zu verbessern, seine Qualität zu steigern und ein Autor zu werden, der die Welt verändert.

Zum Vergleich: Im Sport durchforsten Talentsucher Schulen, Vereine und Jugendwettbewerbe um Kinder oder Jugendliche zu finden, die das Zeug dazu haben, zu den Besten zu gehören. Diese nehmen Trainer unter ihre Fittiche, sie erhalten Stipendien und werden gefördert. Wird jedes entdeckte Talent ein Olympiasieger? Ganz sicher nicht. Aber es dauert einige Jahre, um das herauszufinden.

Natürlich müssen Verlage wirtschaftlich arbeiten, um überleben zu können. Aber mit der Konzentration auf einige wenige Bestseller und die Vernachlässigung der Nachwuchsförderung verbauen sich viele den Weg in die eigene Zukunft. Die andauernde Jagd nach maximalen Profiten ist es, die den besonderen Zauber der Arbeit mit Büchern zerstört. Verleger sollten Autoren fördern, auch wenn es
länger dauert, bis sich der wirtschaftliche Erfolg einstellt. Dazu ist Mut notwendig. Dazu gehört das Risiko zu scheitern. Aber ohne das ist es unmöglich, Spuren zu hinterlassen.

Nicht alle Autoren haben die technische Fertigkeit, die Möglichkeiten der digitalen Welt nutzen. Wohl noch weniger haben die Fähigkeit oder den Willen, sich per Selbstvermarktung eine eigene Leserschaft aufzubauen. Auch in Zukunft werden Verlage die Manuskripte von Autoren in Bücher, eBooks, Hörbücher oder in womit auch immer uns die Zukunft überraschen mag umwandeln. Dabei dürfen die Verlage einen Fehler nicht machen: Jagd nach maximalen Profit. Vor einige Wochen hat eine Gruppe bekannter Autoren, darunter
Namen wie P. Roth oder S. Rushdie einen Exklusivvertrag mit Amazon über den Vertrieb der elektronischen Versionen ihrer Bücher geschlossen – ohne die Beteiligung ihres Verlages.

Was war geschehen? Random House hatte begonnen, unter Ausnutzung der per Autorenvertrag überlassenen Verbreitungsrechte, die Werke der Schriftsteller als eBooks herauszubringen. Allerdings war der Verlag nicht bereit, die zusätzlichen Gewinne mit den Kreativen zu teilen, denn die hätten ja per Vertrag schon ihr Honorar bekommen. Haken bei der Sache: zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses gab es eBooks noch nicht. Zwar hat man sich später noch geeinigt, aber dem Verhältnis zwischen Autor und Verlag dürfte es nicht zuträglich gewesen sein.

Was wäre der Fall gewesen, wenn Random House sich mehr als Partner, oder sogar Dienstleister der Autoren gesehen hätte? Deren bekannte Namen hätten als Zugpferde für den neuen Geschäftszweig dienen können und Random House vielleicht mehr Umsatz gebracht als der schale Beigeschmack, den dieser Streit hatte.

Verlage sollten Vorreiter bei der Ausnutzung neuer Technologien werden, statt einfach nur abzuwarten, auf welches Pferd es sich lohnt zu setzen.

Auf der Tools of Change – Konferenz 2009 hielt Jeff Jarvis einen Vortrag mit dem Titel „What would Google do with publishing?“ Auf der
jährlichen TOC-Konferenz treffen sich jedes Jahr die führenden Köpfe der Verlagsbranche (leider nicht ihre Entscheidungsträger, wie Seth Godin in seiner Rede bemerkte) und reden nicht nur über die neuesten Trends, sondern auch Forschungen, Sachen die gerade ausprobiert und erst Jahre später Trends oder Flops werden. In Jarvis‘ Vortrag ging es um Internetplattformen mit großen Communities – wie Google oder Amazon – und wie diese die Kenntnis über ihre Mitglieder ausnutzen. Amazon hat zum Beispiel durch die Foren, die sich großer Beliebtheit erfreuen, eine unglaubliche Datenbasis, aus der sich ableiten lässt, was seine Kunden wollen. Und Amazon ist verdammt gut in der Auswertung solcher Daten. Was liegt also näher, als, wenn man den Wunsch der Kunden kennt, als diesen Wunsch zu erfüllen?

Auch kleinere Verlage können Communities aufbauen. Und den größten Erfolg werden sie haben, wenn sie deren Mitglieder nicht als Kunden sehen, denen man das eigene (bereits fertige) Produkt verkaufen will, sondern als Auftraggeber, für den man ein maßgeschneidertes Buch anfertigt. Das geht, indem man Themen aufspürt, die die Leser interessieren und anschließend einen Autor beauftragt, so ein Buch zu schreiben.

Wie sieht also die Zukunft der Verlage aus? Das kann niemand sagen. Ich würde mir nur wünschen, dass sie vielfältiger, kleiner und ein wenig bunter ist.

PS: Dieser Beitrag enthält meine Meinung zur aktuellen Situation der Verlage. Ich behaupte nicht, dass es die einzig gültige ist. Wer auch an anderen Sichtweisen interessiert ist, für den folgen hier ein paar Links:

Tom Liehr hat sich auf literaturcafe.de in einer ausführliche Abhandlung mit der Frage beschäftigt: Warum werde ich nicht veröffentlicht? Die Serie ist in sich selbst nicht ganz widerspruchsfrei und stellenweise arg polemisch geraten. So werden alle nicht verlegten Autoren als Hobbyschreiber abgestempelt, die – so wörtlich – nur Scheiße produzieren. Erst im vierten Teil wird die Existenz
von Autoren zugegeben, die trotz guter Manuskripte nicht verlegt werden. Zur Klarstellung: ich habe nichts gegen Verlage an sich. Aber die müssen sich auf Manuskripte mit großen Absatzchancen, das heißt mit mehr als 5000 verkauften Exemplaren konzentrieren.  Bücher, die weniger Verbreitung erwarten lassen, haben bei Verlagen kaum eine Chance. Was mit den was mit den nicht verlegten Autoren A, B, C oder D (lesen sie den Artikel, dann wissen sie, was gemeint ist) passiert, lässt er völlig offen.

Ein ganz witzige aber trotzdem wahre Aussage ist folgende: Nicht jeder, der ein Buch veröffentlicht, ist auch gleich ein Autor. Der Artikel im Durchschuss-Blog von Carsten Tergast durchleuchtet die Bücherwelt und findet dort nicht nur Perlen, sondern auch das komplette Gegenteil. Soweit zur gern angeführten Behauptung, dass nur jemand, der in einem Verlag veröffentlicht hat, sich als Autor bezeichnen darf.

Ein sehr interessanter Beitrag findet sich in den Kommentaren zum letztgenannten Artikel: Petra Cronenburg, die unter cronenburg.blogspot.com auch einen lesenswerten Blog betreibt, kennt beide Welten: sie hat sowohl im Verlag, als auch über PoD-Dienstleister (da der Verlag die Veröffentlichung aus Kostengründen gestrichen hatte) veröffentlicht und sah sich plötzlich dem Vorurteil ausgesetzt, keine „richtige“ Autorin zu sein.

Der Autor: Matthias Czarnetzki begann als Banker, wurde Journalist und studierte Informatik, bevor er feststellte, dass Schriftsteller mehrere Leben führen können, aber nur für eins Steuern zahlen müssen. Er ist unabhängiger Autor und unterstützt andere Indie-Autoren dabei, den gleichen Respekt zu erlangen wie Indie-Musiker und Indie-Filmemacher, so dass sie ihren traditionell verlegten Kollegen in nichts nachstehen. Noch Fragen?

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10 Kommentare zu “Autoren können ohne Verlage leben – aber Verlage nicht ohne Autoren
  1. Kommunikationsteilnehmer sagt:

    Ich bin über den betreffenden Link bei http://www.literaturcafe.de auf diesen Text gestoßen und möchte nicht säumen, aus voller Überzeugung zuzustimmen. Unter anderem Nick bei forum.spiegel.de aktiv, habe ich mehrmals versucht, diese Problematik der Verschwindens weniger marktgängiger Literatur zu thematisieren. Ihre Seite ist gebookmarked.

  2. Petra sagt:

    In diesem Artikel stecken viele Wahrheiten – vor allem, was das Aufbauen von Hausautoren betrifft.
    Eine kleine Richtigstellung zu meiner Lage: Ich veröffentliche normalerweise und weiterhin in Verlagen. Das Projekt im PoD-Verfahren ist noch nicht fertiggestellt, im Blog lasse ich als Experiment meine LeserInnen bei der Entstehung „zusehen“. Grund für diesen Weg ist inzwischen vor allem der Zeitaspekt – das Thema ist *jetzt* heiß, während ich mit einem Verlag noch mindestens ein Jahr zuwarten müsste. Bewerbungszeiten nicht gerechnet.
    Außerdem mache ich gerade die Erfahrung, dass ich in dieser Freiheit selbst sehr viel mehr bewegen kann als mit einem Verlag, etwa, was Partner betrifft.

    Das Vorurteil kommt witzigerweise meist von Kollegen. Bei der Arbeit an dem Sachbuch selbst erlebe ich, dass „da draußen“ den Leuten recht egal ist, was für ein Verlag auf dem Cover steht (s. Ihr Beitrag), Hauptsache, man kann das Buch kaufen. Und da erfahre ich auch Zuspruch aus der Branche selbst.

    Allerdings sage ich auch: PoD ist nur gut, wenn es professionell gemacht ist – und das bedeutet bei Autoren, die nicht alles können, Vorabinvestitionen, während ein Verlag Vorschüsse zahlt.
    Machen wir uns nichts vor: Autoren, die ihre Bücher selbst herausbringen, SIND auch Verleger – mit allen Konsequenzen.

  3. Sven sagt:

    Ein lesenswerter Artikel, der zum Nachdenken und vielleicht zu neuen Gedankenspielen auf Seiten der Autoren und Verlage führen kann. Markus Albers hat es mit „Meconomy“ bewiesen, dass es auch ohne eine renommierten Verlag geht. Schade ist, dass man nach einer Veröffentlichung bei einem pod-Dienstleister nicht als „richtiger“ Autor wahrgenommen wird. Das kann nicht an der Menge der dort verlegten Bücher liegen, wenn man sich einige Programme manch renommierter Verlage ansieht, gibt es kaum Unterschiede.

  4. Als Eigenverleger, der sich anschickt, professionelle „Produkte“ abzuliefern, ist es schwer, gegen den Marketing-Strom der Publikumsverlage und deren Autoren zu schwimmen.

    Anfänglich dachte ich auch, dass es Verlage in Zukunft sehr schwer haben werden, aber bei genauerer Betrachtung wird es wohl nur auf die kleinen und mittleren Verlage, die kaum Budget haben, zutreffen. Die großen Publikumsverlage, mit ihrer Medien- und Werbemacht, werden den Kuchen unter sich aufteilen. Auch neue Vertriebskanäle (ebooks) sind keine große Hürde – mit Geld lässt sich alles wieder einrenken und verkaufsträchtige Autoren/Bücher wieder in den Stall zurückführen.

    Würde die Mehrheit der Leser in der Lage sein, Qualität zu beurteilen, hätten wir wohl kaum die Schwemme an oberflächlicher, schlecht gemachter Kommerz-Literatur. Und ich behaupte, dass es noch mehr werden wird. Deshalb bewundere ich all jene kreativen Geister, die nicht aufgeben und gegen die Windmühlen ankämpfen.

  5. Hachja, die bösen Verlage…man darf nicht vergessen, daß es schon immer eine klassische Konkurrenzsituation und Gerangel zwischen Inhaltproduzenten und Marktöffnern gab. Vermutlich hat sich schon der Verfasser des Gilgamesch-Epos mit den Keilschriftritzern über Honorarsätze gestritten…
    Nein, ernsthaft: Diese Auseinandersetzungen sind nicht neu. Verändert hat sich durch Digitalisierung der einfachere Marktzugang und durch Kommunikationskanäle einfacheres Communitybuilding. Dadurch verschieben sich Marktanteile, hart ausgedrückt, mehr nicht.
    Alles drumherum ist Beiwerk der momentanen Diskussionen:
    – „Die Marke des Verlages ist wichtig!“ In vielen Bereichen geschenkt. Den Käufer interessieren Inhalte/Services, nicht der klein gedruckte Name/Logo unten auf dem Umschlag.
    – „Die Verlage veröffentlichen nur noch absetzbare, vermarktbare Bücher, Autorenneulinge haben kaum Chancen!“ Willkommen in der Marktwirtschaft, kann man da nur sagen.
    – „Verlage sorgen durch ihre Selektionsfunktion für inhaltliche Qualität!“ Siehe obiger Punkt – das trifft zu, wenn Qualität und Absetzbarkeit ineinandergreifen. Ansonsten wird wie verrückt produziert (Die Zahl der Print-Neuerscheinungen steigt immer noch jährlich). Kann das alles qualitativ gut sein? Und was ist Qualität eigentlich nochmal?
    – „Selbst-Digitalisierung und -Publizierung ersetzt die Print-Verlage!“ Warum freuen sich dann sogar Twitterer wie Bolle, wenn ihre Tweets (welch Widerspruch!) in einem gedruckten Buch erscheinen?
    – „Autoren können sich Fan-Communities aufbauen!“ Hm…in meiner Jugend nannte sich das Fan-Gemeinde und war auch nichts anderes. Der Zugang ist heute komfortabler, nicht mehr. Und hier haben wir eine Situation, die über Sachbuch bis wissenschaftliche Literatur seit Jahren schon so ist, auch im digitalen Bereich.
    Dies könnte ich jetzt noch weiter ausführen, wozu mir nicht nur die Zeit fehlt.
    Natürlich ist es gut, über die Position von Autor und Verlag in veränderten Marktumfeldern zu diskutieren. Es wird aber kein Ent- oder weder geben, nur eine höhere Fragmentierung, die sich auf der anderen Seite der Produktions-/Handelskette, nämlich im Absatz der Produkte, ebenso widerspiegelt.
    Und auch wenn ich selbst immer wieder das Thema „Verlage müssen sich als Partner und Servicedienstleister der Autoren verstehen, wenn sie diese an sich binden wollen“ plakatiere – das haben viele Verleger immer gelebt und tun es oft genug auch heute noch.

    • Hallo Herr Meier,

      vielen Dank erst Mal für einen Kommentar aus der Verlagswelt – die ich durchaus nicht für so böse halte.

      Es ist mir allerdings aufgefallen – im Zusammenhang mit den laufenden Diskussionen über eBooks, Buchpreisbindung, DRM und ähnliche Themen, das gerade die großen Medienkonzerne vor allem Eins im Sinn haben: die Festigung ihrer Marktstellung. Das ist aber kein verlagstypisches Problem: in der Energiebranche, in der ich hauptberuflich arbeite, kann es vorkommen, dass kleine Unternehmen Dinge in Stunden entscheiden, die in großen Konzernen Jahre brauchen. Das ist keine Metapher, keine Übertreibung oder sonstige Sprachfigur, sondern das habe ich selbst schon erlebt.

      Ich gehe daher davon aus, dass wirkliche Innovation von kleinen bis mittleren Verlagen ausgeht, die bereit sind, etwas zu riskieren. Und wenn der Inhaber eines solchen Verlages gleichzeitig der Autor der von ihm verlegten Bücher ist, müssen die Bücher dann zwangsläufig schlecht sein? Ich denke nicht.

      Die Lücke zwischen Auflage 0 und Auflage 5000 (beziehungsweise ab welcher Auflagenstärke es für größere Verlage interessant wird) lässt genug Raum zum Überleben für beide Seiten, ohne dass man sich gegenseitig Ignoranz oder Unfähigkeit vorwirft. Ich habe nicht vor, mich am „Verlagsbashing“ zu beteiligen, da mir das wenig produktiv erscheint. Ein bequemes „Weiter so“ gibt’s von mir aber auch nicht.

  6. @MatthiasCzarnetzki Gerade der „genügende Raum“ wird zukünftig ein Problem werden. Ähnlich wie in anderen Branchen wird es zu einer weiteren Konzentration etwa im klassischen Buchbereich in den umsatzstarken Margen kommen, während schrumpfende mittelgroße und kleine Verlage sich im unteren Bereich mit selbstpublizierenden Autoren rangeln. Das kann nicht ohne Spannungen gehen und ist ja auch ein Thema, mit dem sich viele Verleger (wenn auch nicht so viele wie oft gewünscht) auseinandersetzen. Das sehe ich auf beiden Seiten auch nicht als „Bashing“, in der Verlagswelt geht man sowieso ja immer sehr zutraulich miteinander um. Man darf aber eben auch den „Streit in der Sache“, der gerade in dem hier im Blogbeitrag skizzierten Umfeld sehr wichtig ist, nicht einseitig führen. Alle Marktteilnehmer haben gute Argumente für ihre Vorgehensweisen und sollten diese auch vortragen (zB auf Plattformen wie dieser).
    Beim Thema Innovation wäre ich vorsichtig – diese ist immer mit Investitionen verbunden, im besten Fall nur mit (Zeit-)Ressourcen. Aber ich beschäftige mich zum Beispiel gerade mit dem Themenbogen E-Books, Mobiler Content, Apps. Kleine oder mittlere Verlage haben oft gar keine großen Möglichkeiten zur Innovation, da es sich hier um den Aufbau technologischen Know-Hows und Struktur handelt. Wer soll sich hier, mitten im verlegerischen Tagesgeschäft“ gedankliche Innovation, geschweige denn den Kauf von Technikern, Programmierern, Infrastruktur leisten können? Da hat man doch genug zu tun, seine Produkte an den Sortimenter oder Endkunden zu bringen. Insofern gebe ich Richard mit seiner Einschätzung der Situation kleiner und mittlerer Verlage völlig recht.

    • @Steffen Meier: Gerade auf die Frage: Wer soll sich hier, mitten im verlegerischen Tagesgeschäft” gedankliche Innovation, geschweige denn den Kauf von Technikern, Programmierern, Infrastruktur leisten können? – kenne ich die Antwort: Ich kann.

      Da ich einen „Brotjob“ habe, bin ich durch den Markt nicht beschränkt – ich kann alles ausprobieren, jede Technik, jeden Vertriebskanal, jeden Hype (wenn ich das will). Genauso können es hunderte/tausende andere Autoren oder „nebenberufliche“ Verleger auch. Werden sie damit Erfolg haben? Sagen wir mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 aus 10 oder weniger. Klingt das abschreckend? Das einzige, was noch weniger Erfolg garantiert ist: dasitzen und nichts tun.

      Welche neuen Ideen kommen auf, wenn Autoren weiterhin ihre Manuskripte an Verlage schicken und sich sonst um nichts kümmern, während die Verlage mit ihrem Tagesgeschäft so beschäftigt sind, dass Innovationen zu kurz kommen? Keine.

      Hat aber einer dieser „Einzelkämpfer“ einen neue Idee gefunden, die Erfolg hat, dann können Verlage mit ihrer Erfahrung und ihren technischen Möglichkeiten diese Idee nutzen und verbreiten. So ähnlich hat es Tim O’Reilly auf der TOC 2010 formuliert (Video): der Job der Verleger ist nicht die Kreativität, sondern der langweilige Teil (the boring stuff). Es gibt einen Haufen Kreative da draußen, die nichts anderes tun, als ständig Neues auszuprobieren (funktioniert bei Open Source seit Jahren hervorragend). Der Job der Verleger ist es, deren Ideen anschließend zu verbreiten – das ist der langweilige Teil. Eine Zusammenarbeit von Autoren und Verlagen als gleichberechtigte Partner ist für beide Seiten der beste Weg in die Zukunft – aber das dürfte allen bekannt sein.

  7. Petra sagt:

    Leider war gestern der Server down, so dass mein Wunschtraum nur doppelt wiedergibt, was M.C. oben im letzten Satz wünscht…

    Ich sehe das ähnlich wie Steffen Meier. Der Markt fragmentiert, also kann es sich lohnen, in speziellen Nischen – nicht überall – neue Wege auszutesten.
    Was er über kleinere Verlage sagt, gilt aber noch mehr für die Selbstmacher unter den Autoren, wo professionelle Qualität die Spreu vom Weizen sehr schnell trennt. Natürlich gibt es Erfolge wie z.B. „meconomy“. Unter den Tisch fällt dabei aber gern, dass die wenigsten Autoren eierlegende Wollmilchschweine sind, sprich professionell in den herkömmlichen Verlagsleistungen wie Lektorat, Korrektorat, Grafik, Layout, Satz, PR, Verkauf etc., von Rechtehandel ganz zu schweigen.

    Also kostet das im besten Fall eine Menge Zeit und Energie (die man erst mal haben muss und die auch Geld wert ist) – und im Regelfall schlicht Investitionen. Viele dieser Selbstmacher-Erfolgsautoren verfügen außerdem bereits über einen gewissen Namen (oft durch einen herkömmlichen Verlag aufgebaut) und ein festes Netzwerk an Multiplikatoren (etwa als Journalisten). Und wenn ich als Ein-Mensch-Unternehmen so etwas stemmen möchte, darf ich mir nicht in die Tasche lügen: Ich fahre mindestens das Risiko eines Kleinverlags!

    Mein Wunschtraum wäre eine offenere Partnerschaft zwischen Autoren und Verlagen. Wenn ich z.B. als Autor bei neuen Techniken mobiler und schneller reagieren kann und meinem Verlag eine Sonderform meines Buchs anbiete und der sich dafür um die gedruckte Version kümmert. Oder wenn ich eigene Vertriebskanäle habe, außerhalb des Buchhandels. Diese partnerschaftliche Zusammenarbeit gibt es bei engagierten Verlegern und ich denke, da werden die interessanten neuen Dinge stattfinden.

    Denn im Alleingang geht nichts. Bücher entstehen in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit anderen, auch bei Selbstverlegern. Meine Serie „Ich bastle ein Buch“ schreibe ich übrigens genau aus diesem Grund: Um aufzuräumen mit dem Märchen, man müsse nur etwas Nettes heruntertippen und beim Onlinehändler vorrätig halten und schon könne man sein Buch automatisch verkaufen. Nein – da fängt der Darwinismus erst richtig an 😉

  8. Nikola Hahn sagt:

    Als Autorin, die beide Seiten kennt (Publikumsverlag und BoD – und zwar genau in dieser Reihenfolge 🙂 ) kann ich den Artikel nur unterstreichen! Ich bin gespannt, wohin diese Reise führt …

    Mit den besten Grüßen
    Nikola Hahn

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