Was ist eine "gute Schreibe"?

Das ist eine von den komplizierten Fragen. Interessanterweise auch eine
von denen, die am seltensten gestellt wird: meist geht es darum, wie man
einen Verlag findet oder veröffentlich wird.

Was eine „gute Schreibe“ beziehungsweise ein guter Stil und eine gute
Geschichte ist, hängt vom persönlichen Geschmack ab. Nehmen wir ein
Beispiel. Donna Cross hat ein Buch mit dem Titel „Die Päpstin“
geschrieben, welches ich grauenhaft finde. Die Figuren haben nicht mehr
Tiefgang als ein Papierboot, die Geschichte ist oberflächlich und hat
kaum mehr Spannung als eine Valiumtablette. Meine Frau hingegen ist
begeistert von diesem Buch – ein paar Hunderttausend andere Leute wohl
auch, ansonsten wäre es kaum wochenlang in der Spiegel-Bestsellerliste
auf Platz 1 gewesen.

Für mich bedeutet gut zu sein folgendes: der Leser ist von meiner
Geschichte gefesselt. Sie ist originell und spritzig. Er möchte ab der
ersten Seite unbedingt erfahren, wie es ausgeht. Er kann meine
Hauptfiguren verstehen, mit ihnen mitfühlen und -leiden. Unbewußt
erzeugt mein Ausdruck in ihm Emotionen: von Liebe bis Wut; eine Menge
Humor. Es muss ihn packen, darf ihn nicht mehr loslassen – dann ist das
Gesamtwerk, meine Schreibe, gut. Sprachlich gesehen darf es keine
Stolperstellen geben: am besten merkt man das, wenn man sich den Text
laut vorliest oder auf Band aufnimmt und abhört. Wie man das auf
Satzebene erreicht, steht in Reiners Stilfibel.

Um Wirkungsvoll zu sein muss ein Text lebendig sowie spezifisch sein und
alle Sinne ansprechen. Wenn sie eine Szene – zum Beispiel einen Ort –
beschreiben, tun sie dies nicht durch Aufzählung der Gegenstände, die
sich dort befinden, sondern durch Bewegung.

Ein Beispiel:

Beschreibung durch Aufzählung: Das Haus war groß und kalt. Die Front war
eine graue Mauer mit schwarzen Vierecken, in denen vereinzelt noch
Fensterflügel hingen. Der Flur hatte einen unebenen Mamorboden. Die
Treppe, die nach oben führte, war aus Holz und quietschte.

Und nun derselbe Ort so dargestellt, wie ihn jemand empfinden würde, der
sich dort aufhält.

Beschreibung durch Bewegung: Als Frank das Haus betrat, kam er sich
klein und verloren vor. Die grauen Mauern unterschieden sich kaum von
denen des Portsmouthgefägnisses, das er heute morgen nach sieben Jahren
zum ersten Mal verlassen hatte. Der Wind pfiff eisig durch die leeren
Fenster, nur vereinzelt schlugen die Überreste der Rahmen gegen die
Mauer. Seine Schritte hallten auf dem Mamorboden wieder. Das Holz der
Treppe quietschte bedrohlich unter seinem Gewicht, als er in den ersten
Stock hinaufging.

Vermeiden sie immer statische Beschreibungen. Ich weiß, Umberto Eco hat
in seinem Buch „Der Name der Rose“ ein Schreckensportal über drei Seiten
ausführlich in jeder Kleinigkeit beschrieben. Betrachten sie ihn als
Ausnahme, die die Regel bestätigt. Eine Beschreibung, die mehr ein
Erlebnis ist, wird ihren Leser wesentlich mehr fesseln und begeistern.

Der Autor: Matthias Czarnetzki begann als Banker, wurde Journalist und studierte Informatik, bevor er feststellte, dass Schriftsteller mehrere Leben führen können, aber nur für eins Steuern zahlen müssen. Er ist unabhängiger Autor und unterstützt andere Indie-Autoren dabei, den gleichen Respekt zu erlangen wie Indie-Musiker und Indie-Filmemacher, so dass sie ihren traditionell verlegten Kollegen in nichts nachstehen. Noch Fragen?

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